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24.10.2002
Dyspepsie
Hier können Sie das Endoskop im Schrank lassen
GENF – Welche Rolle spielt die Endoskopie für die Diagnostik
bei dyspeptischen Syndromen? Zukünftig eine immer geringere, meinte
Dr. Peter Bytzer von der Universitätsklinik Glostrup, Dänemark.
Bei Patienten unter 50 Jahren und bei Abwesenheit von Alarmsymptomen wie
Anämie, Blutungszeichen, Gewichtsabnahme oder Dysphagie ist die Endoskopie
zweite Wahl.
Dr. Bytzers Überlegungen gehen davon aus, dass Magen- und Duodenalulzera
immer seltener werden und auch die Häufigkeit der H.pylori-Infektionen
abnimmt. Sein Algorithmus: Bei einem unter 50-Jährigen mit dyspeptischen
Beschwerden, aber ohne Alarmsymptome steht an erster Stelle der nicht-invasive
H.pylori-Test. Fällt er negativ aus, folgt die empirische Therapie.
Ist er positiv, zieht das eine Eradikation nach sich. Erst, wenn das die
Beschwerden nicht beseitigt, sollte man sich das Endoskop schnappen.
Ein Vergleich zwischen früher Endoskopie oder dem "Test and
treat"-Vorgehen brachte weder hinsichtlich der Symptomlinderung noch
hinsichtlich der Lebensqualität nennenswerte Unterschiede. 20 – 25%
der zunächst nicht Endoskopierten erhielten im Verlauf eines Jahres
dann doch eine Spiegelung. Das bedeutet aber, dass bei 75-80% die Kosten
hierfür eingespart werden konnten.
Allerdings: Weil die Prävalenz der H.pylori-Infektionen rapide zurückgeht
(< 20% der unter 50-Jährigen in Dänemark) und inzwischen
jedes zweite bis vierte Ulkus gar nicht mehr mit einer H.pylori-Infektion
im Zusammenhang steht, nimmt der positive prädiktive Wert der H.pylori-Testung
ab. Deshalb kommt heute und zukünftig dem Protonenpumpenblocker -Test
eine viel höhere Bedeutung zu als dem H.pylori-Test. Auch der PPI-Test
kann die Endoskopie entbehrlich machen. Erst wenn nach probatorischer
Einnahme eines Protonenpumpenblockers die Beschwerden über vier Wochen
noch nicht behoben sind, schlägt die Stunde des Endoskops, so Dr.
Bytzer.
Behandlung der Dyspepsie
Die P-Möglichkeiten für die Praxis
GENF – Jeder zweite bis vierte erwachsene Europäer leidet früher
oder später einmal an dyspeptischen Symptomen, die mal eher an Reflux
oder Ulkus erinnern, mal eher auf einer Motilitätsstörung beruhen
oder ganz und gar unspezifisch sind. Das Medikament mit dem grössten
therapeutischen Effekt fängt mit P an, hört aber nicht mit PI
auf - wenn auch die PPI (Protonenpumpenblocker) vielfach erste Wahl sind,
wie Dr. Kenneth McGoll, Gardiner Institut in Glasgow, am UEGW ausführte.
Mindestens 30% der Patienten, die überhaupt wegen ihrer dyspeptischen
Beschwerden den Arzt aufsuchen, würden auch von einem reinen Plazebo
profitieren. Aufwändiger lässt sich ein 38%-iger Therapieerfolg
mit einer Psychotherapie erreichen, zumindest bei Patienten mit höheren
Angst- oder Depressionswerten in entsprechenden Tests.
Die Datenlage zur Psychotherapie (10 Wochen mit einmal wöchentlichen
50-Minuten-Sitzungen) ist jedoch recht dünn, im Gegensatz zur soliden
Evidenz der Wirksamkeit von Protonenpumpenblockern. Bei Reflux ähnlichen
Dyspepsie-Symptomen sind Protonenpumpenblocker am wirksamsten. Bei Beschwerden
wie Übelkeit, Völlegefühl oder raschem Sättigungsgefühl,
also eher mit einer Motilitätsstörung assoziierten Beschwerden,
können sie zwar auch eingesetzt werden, aber hier gehen laut Dr.
McGoll mindestens zwei Drittel des erreichbaren Effektes auf die Plazebowirkung
zurück.
Prokinetika brachten in einer Metaanalyse eine Reduktion der Beschwerden
um 50% . Für Dr. McGoll ist jedoch der Verdacht nicht ganz ausgeräumt,
dass überwiegend Studien mit positivem Ergebnis publiziert wurden,
negative Ergebnisse jedoch keinen Eingang in die Journale fanden.
Die Suche nach H. pylori und seine Eradikation hält Dr. McGoll auf
jeden Fall für sinnvoll, weil durch die Eradikation das in Gegenwart
des Keims erhöhte Magenkarzinomrisiko gesenkt werden kann und auch
die Wahrscheinlichkeit für ein später auftretendes Ulkus sinkt.
Auf die dyspeptischen Beschwerden hat die Eradikation dagegen keinen allzu
grossen Einfluss.
Morphinagonisten bei entzündlichen Darmkrankheiten
Neues Kapitel in der Immuntherapie aufgeschlagen
GENF – Morphin ist bekannt als Schmerzmittel, und auch die obstipierende
Wirkung der Opioide ist nichts Brandneues. Dass ein Agonist am m-Rezeptor
wie Morphin oder Endorphin aber auch über eine immunmodulatorische
Wirkung die entzündlichen Prozesse bei M. Crohn und Colitis ulcerosa
deckeln könnte, ist eine Entdeckung, zu der Dr. P. Philippe, Universität
Lille, am UEGW interessante Daten beisteuerte. Hieraus könnten
sich neue Behandlungsoptionen für M. Crohn und Colitis ulcerosa entwickeln.
Der m-Rezeptor (MOR = m-Opioid-Rezeptor)
wird nicht nur auf Nervenzellen exprimiert, sondern auch auf epithelialen
Zellen und Immunzellen. Dr. Philippe und Kollegen konnten am Tiermodell
nachweisen, dass der MOR die Produktion inflammatorisch wirksamer Zytokine
wie Tumornekrosefaktor-a (TNF) reguliert. Die
Aktivierung des Rezeptors schützt vor Entzündungsprozessen,
weil die TNF-a- und die Interleukin-1b-Produktion
signifikant vermindert wird, wenn MOR-Agonisten einwirken. Durch den Opiatantagonisten
Naloxon lässt sich dieser protektive Effekt wieder komplett aufheben.
Dass die m-agonistische Therapie mit einem
Streich die Entzündung, die Schmerzen und die Durchfallhäufigkeit
verbessern könnte, macht diese Option besonders bestechend. Hiermit
ist die Tür geöffnet für die Entwicklung spezifischer MOR-Agonisten,
die für die entzündlichen Darmkrankheiten einsetzbar sein könnten.
Funktionelle gastrointestinale Beschwerden
Probiotika vom Frühstückstisch oder aus der
Apotheke?
GENF – Wer beim Friseur die Regenbogenpresse liest, weiss schon längst,
dass Probiotika für die Gesundheit gut sind. Bringen sie etwas bei
funktionellen gastrointestinalen Beschwerden? Dr. Irène Corthesy-Theulaz
von der Universitätsklinik Epalinges machte am UEGW deutlich,
dass die verschiedenen Probiotika nicht in einen Topf geworfen werden
dürfen. Nach wissenschaftlichen Standards ergeben sich Hinweise auf
eine Wirksamkeit, die über die Verdrängung einer pathologischen
Darmflora deutlich hinausgeht. Dabei kommt es wesentlich auf den einzelnen
Bakterienstamm an.
Etliche Studien an Menschen für verschiedene gastrointestinale Funktionsstörungen
liegen bereits vor, wenn auch meist mit Fallzahlen unter 50 Patienten.
Sie ergeben deutliche Unterschiede der Wirksamkeit, z.B. zwischen Lactobazillenarten
und Bifidusarten, sodass man zukünftig deutlich unterscheiden muss,
welcher Keim in welcher Dosierung sich bei welcher Indikation bewährt.
Interessant ist ein Tiermodell, bei dem durch Askarideninfektion eine
Hyperreagibilität des Intestinums hervorgerufen wird. Dieses Tiermodell
ist zu vergleichen mit der postenteritischen Dysfunktion des Darmes beim
Menschen. Lactobacillus paracasei war im Experiment in der Lage, die postinfektiöse
Hyperreagibilität abzustellen. Auch ein keimfreies Filtrat des Nährmediums
erreichte diese Wirkung.
Bei Reizdarmsyndrom erwiesen sich Lactobacillus plantaris und Bifidobakterien
als beschwerdelindernd, wobei sich das bei anderer Indikation bewährte
Lactobacillus GG hier nicht durchschlagend bewähren konnte. Weitere
randomisierte Doppelblindstudien hält Dr. Corthesy-Theuraz für
sehr lohnend.
Für
alle Texte auf dieser Seite gilt: © Medical Tribune-Online Schweiz Dr.
Ulrike Novotny
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