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Montag, 21.05.2012     Medical Tribune Group





10th UEGW - United European Gastroenterology Week, Genf, 2002

22.10.2002

Medical Tribune Roundtable

Runder Tisch zu Biotherapeutika

Evidenz für Sauerkraut und Saccharomyces?

GENF – Witwe Bolte verschaffte sie sich über eingelegten Kohl, Asiaten über Fischsosse und zeitgemässe Globetrotter über ein definiertes probiotisches Präparat: die Rede ist von Probiotika. Scharf zu trennen seien allerdings Nahrungsergänzungen durch Probiotika und probiotische Medikamente, war ein Tenor des Medical Tribune-Roundtables anlässlich der UEGW. Richtiger sei die Bezeichnung Biotherapeutika, da Saccharomyces Boulardii & Co. nicht nur über Verdrängung einer pathologischen Darmflora wirken, sondern indem sie direkt das Immunsystem im Darm modulieren. Der Roundtable konnte mit freundlicher Unterstützung der Firma Biomed realisiert werden.


Professor Breves

Professor Vandenplas

Professor Dr. Gerhard Breves von der Tierärztlichen Hochschule Hannover muss sich als Veterinärmediziner nicht mit "Nahrungsergänzungen" befassen. Schweine erhalten nicht Joghurt, sondern exakt definierte Keime, sodass sich Prof. Breves’ Forschung um Evidenzen u.a. für immunmodulierenden Wirkungen von Saccharomyces Boulardii im Darm kreist. Die Wirkungen interessieren vor allem auch auf zellulärer oder subzellulärer Ebene – ein Wissen, dass auch in der Humanmedizin immer mehr Bedeutung gewinnt.


Professor Gyr
Professor Fried

Professor Dr. Yvan Vandenplas als pädiatrischer Gastroenterologe der Universität Brüssel betonte ebenfalls, wie wichtig es ist, nicht auf Klasseneffekte der Biotherapeutika zu spekulieren, sondern für jeden Keim die Indikationen und Kontraindikationen zu definieren. Es gibt durchaus, wenn auch selten, unerwünschte Wirkungen, beispielsweise bei Immunsupprimierten. Für Biotherapeutika bzw. Probiotika muss wie für andere Therapeutika klar das Nutzen-Risiko-Profil beachtet werden. Professor Dr. Niklaus Gyr, Kantonsspital Basel, wies darauf hin, dass man derzeit aber noch eher empirisch orientiert die Keimpräparate geben muss, die man als zugelassene Medikamente hat.


Von Interesse ist die Beobachtung, dass Saccharomyces Boulardii den Natrium- und Glukoseeinstrom in die Enterozyten unterstützt, sodass die Wirkung der Rehydratationsmassnahmen verstärkt wird. Inzwischen tendiert man dazu, die orale Rehydratation auf sechs Stunden zu begrenzen und Probiotika hinzu zu geben. Professor Dr. Michael Fried, Universitätsspital Zürich, fand darüber hinaus die Indikation "entzündliche Darmkrankheiten" vielversprechend, wenn er hier auch noch klarere Studienergebnisse abwarten möchte.

Unter Moderation von Professor Dr. Heinz Hammer, Graz, liess sich als Quintessenz des Runden Tisches destillieren: In der Medizin eingesetzte Probiotika haben – jedes für sich – definierte Indikationsspektren, Kontraindikationen sind zu beachten, und die Wirkungen gehen weit über eine Substitution der physiologischen Flora oder eine Verdrängung pathologischer Keime hinaus. Sie sind vor allem im Bereich einer Immunmodulation angesiedelt und daher zukünftig nicht nur für Durchfallerkrankungen, sondern auch für Atopien und entzündliche Darmkrankheiten, eventuell auch für Reizdarm immer mehr von Bedeutung.



Prof. Hammer, der Moderator des Roundtables

Unklare obere gastrointestinale Blutung

U-Boot-Kapsel stellt konventionelle Endoskopie in die Ecke

GENF – So riesig ist die Kapsel mit einer Abmessung von 30 x 11 mm auch wieder nicht. Patienten schlucken so etwas häufig, beispielsweise als Vitaminkapsel. Riesig ist indessen der Erfolg, den die Arbeitsgruppe um Dr. I. Demedts mit ihrem Vergleich zwischen Endoskopie und endoskopischer Kapseluntersuchung am UEGW einfahren konnte: Die Arbeit wurde als einer der drei besten klinischen Abstracts des Kongresses gewürdigt. Gross ist auch der klinische Gewinn der Untersuchung, da die Kapselendoskopie mehr unklare Blutungsquellen im oberen Gastrointestinaltrakt aufdeckt als die konventionelle Endoskopie. Sie dürfen nur nicht im Magen liegen.

Die Arbeitsgruppe der Leuvener Universität befasste sich mit 18 Patienten, die an einer oberen gastrointestinalen Blutung litten. Die Ursache hatte bei ihnen allen mit Hilfe konventioneller Ösophagogastroskopie oder Ileoskopie nicht abgeklärt werden können. Oder es war zwar eine Blutungsquelle identifiziert und therapiert worden, aber die Beschwerden hielten immer noch an.

Das mit einer Leuchte, Batterien und Antenne ausstaffierte Gerät schluckten die nüchternen Patienten einfach hinunter. 7 Stunden lang funkte es Daten an einen Empfänger. Über Nacht wurden diese Daten heruntergeladen, und am nächsten Tag stand ein Video zur Verfügung . Ein bis zwei Stunden dauerte es, diesen Film zu sichten und auszuwerten. Alle Patienten unterzogen sich anschliessend einer weiteren konventionellen Endoskopie.

Läsionen im Magen entgingen der Kapsel häufig (in 10 von 14 Fällen), somit scheint diese Methode ungeeignet, den Magen zu erforschen. Anders im Dünndarm. Hier fand die Kapselendoskopie eine intestinale Blutungsquelle bei 14 von 18 Patienten. 19 der duodenalen und intestinalen Blutungsquellen lagen im dem Bereich, den eigentlich die konventionelle Endoskopie erfassen sollte, von ihr aber nur in 6 Fällen tatsächlich gesehen wurde. Damit erscheint die Kapselendoskopie für die Identifizierung bislang okkult gebliebener Blutungen im Dünndarm besser geeignet zu sein als die konventionelle Endoskopie.


Pankreasfisteln

Mit Zwei- Komponentenkleber erfolgreich versiegeln?

GENF – Nicht immer gelingt es per Stent, Pankreasfisteln  endoskopisch zu schliessen. Ein chirurgischer Eingriff sollte jedoch vermieden werden, so lange es anders geht, da Patienten mit Pankreasfisteln meist in einem schlechten Allgemeinzustand sind. Dr. Stefan Seewald, Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf, versuchte daher, mit Cyanoacrylat Fisteln  endoskopisch zu verschliessen. Er berichtete am UEGW über seine Erfahrungen bei 12 Patienten.

Die Fisteln dieser Patienten hatten unterschiedlichste Ursachen wie akute nekrotisierende oder chronische Pankreatitis, Karzinom oder postoperative Fisteln. Bei 8 von 12 Patienten konnte durch endoskopisches Einbringen von 0,5 Kubikzentimeter Klebstoff die Fistel geschlossen werden. Bei 4 Patienten liess sich dieser Erfolg nicht dauerhaft erreichen. In einem Fall handelte es sich um eine Pankreas-Haut-Fistel, in zwei Fällen öffnete sich die Fistel nach 14 Tagen resp. 5 Wochen wieder, ein Patient musste nach dem Fistelverschluss notfallmässig, aber nicht mit dem Eingriff im Zusammenhang stehend, operiert werden.
Bei sechs der übrigen Patienten betrug die Nachbeobachtungszeit im Durchschnitt 21 Monate. Ein Patient starb an einer metastatischen Leberveränderung, ein zweiter erhielt eine Pankreaskopfresektion  wegen der zugrundeliegenden chronischen Pankreatitis zwei Monate nach dem Eingriff. Dr. Seewald resümierte, dass das Verfahren sicher einen Versuch wert ist, wenn das Stenting zur Fistelbehandlung fehlgeschlagen ist. Enste Reaktionen als Folge der Klebstoffapplikation wurden nicht festgestellt.


Genkarten bei Colitis ulcerosa und Morbus Crohn

Entzündliche Darmkrankheiten nur sehr entfernt miteinander verwandt

GENF – Etwa die Hälfte der Gene, die sich bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa als verändert gelten, waren bislang unbekannt. Das eröffnet ein spannendes Forschungsfeld, könnten sich doch nach deren Erforschung neue Therapieansätze ergeben. Dr. Christine Costello, Universität Kiel, schilderte am UEGW die Sisyphusarbeit der komplizierten Genforschungsmaterie, die aber bereits interessante Richtungen erkennen lässt.

Auf jeden Fall wurde eins klar: bei entzündlichen Darmkrankheiten fallen im Vergleich zu Gesunden einige Gene durch stärkere Up- oder auch Downregulation auf. Welche Gene das sind, ist bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa jedoch ziemlich  unterschiedlich, sodass auch nach dem Erhellen des genetischen Hintergrundes klar wurde, dass beides unterschiedliche Krankheiten sind. Sicher ist nun auch, dass nicht nur einzelne Gene bei den Krankheiten von einer Veränderung betroffen sind. Filtertechniken siebten bei Morbus Crohn 149 Gene heraus, die sich von Gesunden unterschieden, und die Colitis ulcerosa stand mit 138 auffällig abweichenden Genen kaum zurück. Die bereits bekannten Gene steuern Immunantworten, die Expression von Entzündungsmediatoren, das Zellwachstum, die Zelladhäsion und Wege des Zellmetabolismus. Sobald sich die Aufgaben der neuen, als auffallend erkannten Gene definieren lassen, ergeben sich daraus neue Behandlungsansätze, so die grosse Hoffnung, die die weitere Arbeit auf diesem Gebiet antreibt.

Für alle Texte auf dieser Seite gilt: © Medical Tribune-Online Schweiz, Dr. Ulrike Novotny

 

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