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22.10.2002
Medical Tribune Roundtable
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Runder Tisch zu Biotherapeutika
Evidenz für Sauerkraut und Saccharomyces?
GENF – Witwe Bolte verschaffte sie sich über eingelegten
Kohl, Asiaten über Fischsosse und zeitgemässe Globetrotter
über ein definiertes probiotisches Präparat: die Rede
ist von Probiotika. Scharf zu trennen seien allerdings Nahrungsergänzungen
durch Probiotika und probiotische Medikamente, war ein Tenor des
Medical Tribune-Roundtables anlässlich der UEGW. Richtiger
sei die Bezeichnung Biotherapeutika, da Saccharomyces Boulardii
& Co. nicht nur über Verdrängung einer pathologischen
Darmflora wirken, sondern indem sie direkt das Immunsystem im Darm
modulieren. Der Roundtable konnte mit freundlicher Unterstützung
der Firma Biomed realisiert werden.
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Professor Breves
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Professor Vandenplas |
Professor Dr. Gerhard Breves von der Tierärztlichen Hochschule
Hannover muss sich als Veterinärmediziner nicht mit "Nahrungsergänzungen"
befassen. Schweine erhalten nicht Joghurt, sondern exakt definierte Keime,
sodass sich Prof. Breves’ Forschung um Evidenzen u.a. für immunmodulierenden
Wirkungen von Saccharomyces Boulardii im Darm kreist. Die Wirkungen interessieren
vor allem auch auf zellulärer oder subzellulärer Ebene – ein
Wissen, dass auch in der Humanmedizin immer mehr Bedeutung gewinnt.

Professor Gyr
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Professor Fried |
Professor Dr. Yvan Vandenplas als pädiatrischer Gastroenterologe
der Universität Brüssel betonte ebenfalls, wie wichtig
es ist, nicht auf Klasseneffekte der Biotherapeutika zu spekulieren,
sondern für jeden Keim die Indikationen und Kontraindikationen
zu definieren. Es gibt durchaus, wenn auch selten, unerwünschte
Wirkungen, beispielsweise bei Immunsupprimierten. Für Biotherapeutika
bzw. Probiotika muss wie für andere Therapeutika klar das Nutzen-Risiko-Profil
beachtet werden. Professor Dr. Niklaus Gyr, Kantonsspital Basel,
wies darauf hin, dass man derzeit aber noch eher empirisch orientiert
die Keimpräparate geben muss, die man als zugelassene Medikamente
hat.
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Von Interesse ist die Beobachtung, dass Saccharomyces Boulardii
den Natrium- und Glukoseeinstrom in die Enterozyten unterstützt,
sodass die Wirkung der Rehydratationsmassnahmen verstärkt wird.
Inzwischen tendiert man dazu, die orale Rehydratation auf sechs
Stunden zu begrenzen und Probiotika hinzu zu geben. Professor Dr.
Michael Fried, Universitätsspital Zürich, fand darüber
hinaus die Indikation "entzündliche Darmkrankheiten"
vielversprechend, wenn er hier auch noch klarere Studienergebnisse
abwarten möchte.
Unter Moderation von Professor Dr. Heinz Hammer, Graz, liess
sich als Quintessenz des Runden Tisches destillieren: In der Medizin
eingesetzte Probiotika haben – jedes für sich – definierte
Indikationsspektren, Kontraindikationen sind zu beachten, und die
Wirkungen gehen weit über eine Substitution der physiologischen
Flora oder eine Verdrängung pathologischer Keime hinaus. Sie
sind vor allem im Bereich einer Immunmodulation angesiedelt und
daher zukünftig nicht nur für Durchfallerkrankungen, sondern
auch für Atopien und entzündliche Darmkrankheiten, eventuell
auch für Reizdarm immer mehr von Bedeutung.
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Prof. Hammer, der Moderator des Roundtables |
Unklare obere gastrointestinale Blutung
U-Boot-Kapsel stellt konventionelle Endoskopie in die
Ecke
GENF – So riesig ist die Kapsel mit einer Abmessung von 30 x 11 mm
auch wieder nicht. Patienten schlucken so etwas häufig, beispielsweise
als Vitaminkapsel. Riesig ist indessen der Erfolg, den die Arbeitsgruppe
um Dr. I. Demedts mit ihrem Vergleich zwischen Endoskopie und endoskopischer
Kapseluntersuchung am UEGW einfahren konnte: Die Arbeit wurde als
einer der drei besten klinischen Abstracts des Kongresses gewürdigt. Gross
ist auch der klinische Gewinn der Untersuchung, da die Kapselendoskopie
mehr unklare Blutungsquellen im oberen Gastrointestinaltrakt aufdeckt
als die konventionelle Endoskopie. Sie dürfen nur nicht im Magen liegen.
Die Arbeitsgruppe der Leuvener Universität befasste sich mit 18 Patienten,
die an einer oberen gastrointestinalen Blutung litten. Die Ursache hatte
bei ihnen allen mit Hilfe konventioneller Ösophagogastroskopie oder Ileoskopie
nicht abgeklärt werden können. Oder es war zwar eine Blutungsquelle identifiziert
und therapiert worden, aber die Beschwerden hielten immer noch an.
Das mit einer Leuchte, Batterien und Antenne ausstaffierte Gerät schluckten
die nüchternen Patienten einfach hinunter. 7 Stunden lang funkte es Daten
an einen Empfänger. Über Nacht wurden diese Daten heruntergeladen, und
am nächsten Tag stand ein Video zur Verfügung . Ein bis zwei Stunden dauerte
es, diesen Film zu sichten und auszuwerten. Alle Patienten unterzogen
sich anschliessend einer weiteren konventionellen Endoskopie.
Läsionen im Magen entgingen der Kapsel häufig (in 10 von 14 Fällen),
somit scheint diese Methode ungeeignet, den Magen zu erforschen. Anders
im Dünndarm. Hier fand die Kapselendoskopie eine intestinale Blutungsquelle
bei 14 von 18 Patienten. 19 der duodenalen und intestinalen Blutungsquellen
lagen im dem Bereich, den eigentlich die konventionelle Endoskopie erfassen
sollte, von ihr aber nur in 6 Fällen tatsächlich gesehen wurde. Damit
erscheint die Kapselendoskopie für die Identifizierung bislang okkult
gebliebener Blutungen im Dünndarm besser geeignet zu sein als die konventionelle
Endoskopie.
Pankreasfisteln
Mit Zwei- Komponentenkleber erfolgreich versiegeln?
GENF – Nicht immer gelingt es per Stent, Pankreasfisteln endoskopisch
zu schliessen. Ein chirurgischer Eingriff sollte jedoch vermieden werden,
so lange es anders geht, da Patienten mit Pankreasfisteln meist in einem
schlechten Allgemeinzustand sind. Dr. Stefan Seewald, Universitätsklinik
Hamburg-Eppendorf, versuchte daher, mit Cyanoacrylat Fisteln endoskopisch
zu verschliessen. Er berichtete am UEGW über seine Erfahrungen
bei 12 Patienten.
Die Fisteln dieser Patienten hatten unterschiedlichste Ursachen wie akute
nekrotisierende oder chronische Pankreatitis, Karzinom oder postoperative
Fisteln. Bei 8 von 12 Patienten konnte durch endoskopisches Einbringen
von 0,5 Kubikzentimeter Klebstoff die Fistel geschlossen werden. Bei 4
Patienten liess sich dieser Erfolg nicht dauerhaft erreichen. In einem
Fall handelte es sich um eine Pankreas-Haut-Fistel, in zwei Fällen öffnete
sich die Fistel nach 14 Tagen resp. 5 Wochen wieder, ein Patient musste
nach dem Fistelverschluss notfallmässig, aber nicht mit dem Eingriff im
Zusammenhang stehend, operiert werden.
Bei sechs der übrigen Patienten betrug die Nachbeobachtungszeit im Durchschnitt
21 Monate. Ein Patient starb an einer metastatischen Leberveränderung,
ein zweiter erhielt eine Pankreaskopfresektion wegen der zugrundeliegenden
chronischen Pankreatitis zwei Monate nach dem Eingriff. Dr. Seewald resümierte,
dass das Verfahren sicher einen Versuch wert ist, wenn das Stenting zur
Fistelbehandlung fehlgeschlagen ist. Enste Reaktionen als Folge der Klebstoffapplikation
wurden nicht festgestellt.
Genkarten bei Colitis ulcerosa und Morbus Crohn
Entzündliche Darmkrankheiten nur sehr entfernt miteinander
verwandt
GENF – Etwa die Hälfte der Gene, die sich bei Morbus Crohn und Colitis
ulcerosa als verändert gelten, waren bislang unbekannt. Das eröffnet ein
spannendes Forschungsfeld, könnten sich doch nach deren Erforschung neue
Therapieansätze ergeben. Dr. Christine Costello, Universität Kiel,
schilderte am UEGW die Sisyphusarbeit der komplizierten Genforschungsmaterie,
die aber bereits interessante Richtungen erkennen lässt.
Auf jeden Fall wurde eins klar: bei entzündlichen Darmkrankheiten fallen
im Vergleich zu Gesunden einige Gene durch stärkere Up- oder auch Downregulation
auf. Welche Gene das sind, ist bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa jedoch
ziemlich unterschiedlich, sodass auch nach dem Erhellen des genetischen
Hintergrundes klar wurde, dass beides unterschiedliche Krankheiten sind.
Sicher ist nun auch, dass nicht nur einzelne Gene bei den Krankheiten
von einer Veränderung betroffen sind. Filtertechniken siebten bei Morbus
Crohn 149 Gene heraus, die sich von Gesunden unterschieden, und die Colitis
ulcerosa stand mit 138 auffällig abweichenden Genen kaum zurück. Die bereits
bekannten Gene steuern Immunantworten, die Expression von Entzündungsmediatoren,
das Zellwachstum, die Zelladhäsion und Wege des Zellmetabolismus. Sobald
sich die Aufgaben der neuen, als auffallend erkannten Gene definieren
lassen, ergeben sich daraus neue Behandlungsansätze, so die grosse Hoffnung,
die die weitere Arbeit auf diesem Gebiet antreibt.
Für
alle Texte auf dieser Seite gilt: © Medical Tribune-Online Schweiz, Dr.
Ulrike Novotny
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