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Montag, 21.05.2012     Medical Tribune Group





10th UEGW - United European Gastroenterology Week, Genf, 2002

21.10.2002

Zu Beginn der UEGW verzogen sich die Regenwolken aus Genf, denn es galt, das zehnjährige Bestehen zu feiern. Liedermacher Professor Dr. Niklaus Gyr, Kantonsspital Basel, textete zu diesem Anlass einen Ohrwurm, der zum friedlichen Wettstreit der Gastroenterologen für das Wohl der Patienten und der Gesellschaft auffordert. Verschaffen Sie sich mit unseren Overnight-Reports ein Bild von dem, was in Sachen Gastroenterologie in der jüngste Zeit erreicht wurde.

Neue Behandlungsschiene bei Morbus Crohn

Verkehrsregelung für Lymphozyten

GENF – Zwei Strategien können die entzündlichen Aktivitäten bei Morbus Crohn über einen biologischen Weg im Zaum halten. Methode 1 lautet, die für die Entzündung verantwortlichen zerstörerischen Mediatoren wie den Tumornekrosefaktor zu eliminieren. Methode 2 verfährt nach dem Prinzip, die Lymphozyten elegant am Ort des Entzündungsgeschehens vorbei zu leiten. Die erste Methode wird bereits angewandt in Form des Infliximabs, die zweite befindet sich bereits vor den Toren der Kliniken.

Professor Dr. Paul Rugeerts, Universität Leuven, präsentierte an einem Satellitensymposium, zu dem die Firmen Elan und Biogen eingeladen hatten, als Hauptbestandteil eines neuen Behandlungsprinzips die Anti-Integrine, die den Lymphozytenverkehr im krankheitsaktiven Darmbezirk einfach umleiten. Integrine sind dafür verantwortlich, dass ein Lymphozyt, der per Chemotaxis angelockt wurde, genau am richtigen Ort stoppt und die Adhäsion veranlasst, die wiederum die Vorstufe für deletäre Zellprozesse ist. Natalizumab heissen die rekombinanten humanisierten Antikörper, die gegen bestimmte Integrine gerichtet sind und sie somit unschädlich machen. Das Signal, das Leukozyten zur Adhäsion veranlasst, läuft damit ins Leere, und die Lymphozyten rauschen unverrichteter Dinge vorbei. Dass das nicht nur in der Theorie klappt, belegen Phase-II-Studien, die darüber hinaus dem Natalizumab auch eine recht gute Verträglichkeit bescheinigen. Vor allem ein Problem des Infliximabs, die erhöhte Anfälligkeit gegenüber Infektionen wie der Tuberkulose, war in den ersten Studien nicht zu beobachten. Die derzeit laufenden Phase-III-Studien schliessen 840 Patienten ein. Das sind mehr Probanden als in den bisherigen Studien zur biologischen Entzündungshemmung bei Morbus Crohn.

Professor Rugeerts äusserte aufgrund einer Pilotstudie darüber hinaus die Hoffnung, dass das noch nicht zugelassene Natalizumab auch Patienten mit Colitis ulcerosa einen Gewinn bringt. Die Pilotstudie ergab eine Senkung der Entzündungsaktivität (auch der Konzentration an c-reaktivem Protein) und eine deutlich gesteigerte Lebensqualität der Colitis-ulcerosa-Patienten.

Für die Colitis ulcerosa lassen die bisherigen Daten ähnliche Response-Raten für das Anti-Integrin wie für Infliximab erkennen.

 


 

Crohn-Therapie mit Infliximab

Die Tuberkulose grüsst aus der Ferne

GENF – Seit der Einführung des Infliximabs ist die Zahl der Tuberkuloseerkrankungen oder -reaktivierungen bei Crohn-Patienten angestiegen. Hierauf wies Professor Dr. Stefan Schreiber, Universität Kiel, bei einem Satellitensymposium von Biogen und Elan am 10. UEGW-Kongress (United European Gastroenterology Week) hin.

Infliximab gehört zu den immunsuppressiven Wirkstoffen. Daher muss die Verordnung die gleichen Vorsichtsmassnahmen nach sich ziehen wie  der Einsatz anderer Immunsuppressiva. Das bedeutet auf jeden Fall ein Röntgenbild des Thorax. Hauttests sind nicht sehr sicher. Auf jeden Fall seien kontrollierte Tests, für die Professor Schreiber als Beispiel den Multitest Mérieux anführte, anderen vorzuziehen. “Die beste Versicherung gegen unliebsame Überraschungen ist aber immer noch der klinische Verdacht”, gab Professor Schreiber dem Auditorium mit auf den Weg. Auch neue Behandlungsformen, die ebenfalls über die biologische Hemmung der Entzündungsreaktion laufen, sollten wachsam auf eine mögliche Tuberkulose-Reaktivierung hin beobachtet werden.


 

Barrett-Ösophagus

Senkt Rofecoxib das Karzinomrisiko?

GENF – Ein Barrett-Ösophagus tendiert mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu, sich zum Karzinom zu entwickeln. Das könnte möglicherweise durch Rofecoxib verhinder werden. Professor Dr. Jean Paul Gamiche, Hôtel-Dieu in Nantes, stellte an einem Postgraduiertenkurs anlässlich der Vereinten Europäischen Gastroenterologie-Woche (UEGW) beeindruckendes Zahlenmaterial über eine Senkung der Dysplasieraten im Barrett-Ösophagus nach nur 10-tägiger Anwendung von Rofecoxib vor.

Ein Dutzend Patienten mit Barrett-Ösophagus hatten über 10 Tage je 25 mg Rofecoxib erhalten. Innerhalb dieser kurzen Zeit sank die COX-II-Expression in den veränderten Ösophaguszellen um 77%. Das ist deshalb wichtig, weil die Cyclooxygenase II im derzeit diskutierten Denkmodell die Bildung des Prostaglandins E2 ermöglicht, unter dessen Einfluss die Proliferations- und Dysplasierate steigt. Entsprechend der Verminderung des COX-II-Spiegels sank unter Rofecoxib die PGE-2-Konzentration um 59% und die Dysplasierate in den Zellen der betroffenen Ösophagusschleimhaut um 62%. Signifikant sank auch die Konzentration des weiteren Proliferationsmarkers PCNA. Obwohl diese Ergebnisse, kürzlich von Kaur publiziert, noch nicht auf einer breiten Datenbasis fussen, rät Professor Gamiche dazu, diesen Therapieansatz weiter zu verfolgen.


 

Endoskopische Optionen zur Refluxbehandlung

Nichts überstürzen!

GENF – Die Protonenpumpeninhibitoren sind zwar hoch wirksam bei gastroösophagealem Reflux, aber sie wirken nicht ursächlich, und wie sich eine Dauerbehandlung über Jahre und Jahrzehnte auswirkt, ist noch wenig bekannt. Endoskopische Eingriffe zur Verminderung des Reflux haben daher als Alternative einen grossen Reiz. Professor Dr. Lars Rundell,  Universitätsklinik in Göteborg, rief die Kollegen indessen dazu auf, solche neuen Optionen vorerst nur im Rahmen klinischer Studien einzusetzen und keinen unkontrollierten Therapie-Wildwuchs hiermit zu betreiben.

An einem Postgraduiertenkurs an der UEGW gab er einen Überblick über die derzeit am Markt befindlichen endoskopischen Optionen, die unter anderem die Radiofrequenzbehandlung, die endoskopische Naht der proximalen Magenfalten zur Bildung einer Fundusbarriere und die endoskopische Injektion von Mikrokügelchen oder Polymeren in den unteren Ösophagussphinkter umfassen. Die wichtigen Fragen im Zusammenhang mit dieser Behandlung seien jedoch noch längst nicht eindeutig beantwortet, fand Professor Lundell. Hierzu wünscht sich der Gastroenterologe erst einmal Antwort auf die Frage der Wirksamkeit der Methode im Vergleich zu Scheineingriffen (analog dem Plazebovergleich in Medikamentenstudien), mehr Kenntnisse über die Langzeitwirkung, da erst Studien mit einjähriger Dauer vorliegen, oder auch Untersuchungen hinsichtlich der Kosten. Auch andere Aspekte seien wichtig: Kann man nach endoskopisch verengendem Eingriff überhaupt noch einen Barrett-Ösophagus richtig erkennen, so er sich doch entwickelt? Die Kollegen sollten daher nicht dem Druck des Marktes nachgeben, diese Methoden überstürzt und vor allem ausserhalb klinischer Studien anzuwenden.


Baclofen gegen gastroösophagealen Reflux

Forscher bleiben hartnäckig

GENF – Warum überhaupt neue Medikamente gegen gastroösophagealen Reflux entwickeln, wenn die Wirksamkeit der Protonenpumpenblocker bei dieser Indikation recht zufriedenstellend ist? Weil sie nur symptomatisch wirken. Das kitzelt den Forschungsdrang von Professor Jean Paul Galmiche und etlichen Kollegen weltweit, nach anderen Strategien zu suchen. Fündig wurden sie beim keineswegs neuen Baclofen. Der Weisheit letzter Schluss ist dieser GABAB-Agonist allerdings noch nicht gerade.

Beim gastroösophagealen Reflux steht das wiederholte transiente Erschlaffen des unteren Össophagussphinkters pathophysiologisch noch weit vor der Säuresekretion im Magen. Deshalb wollen Gastroenterologen diesen Pathomechanismus der Relaxation direkt angehen. Dafür bietet sich unter anderem die Aktivierung von GABA-Rezeptoren an, weil sie die Neurotransmitterfreisetzung in Vaguskernen blockieren. Dass Baclofen hierzu etwas beisteuern kann, ging bereits aus Tiermodellen hervor. Die Substanz wirkt offensichtlich nicht nur zentral, sondern auch bei der Steuerung der Sphinkterregulation mit.

An gesunden Probanden getestet liess sich tatsächlich durch einmalige Gabe von 40 mg Baclofen die Häufigkeit der transienten Sphinktererschlaffung um 50% vermindern. Allerdings blieb die Dauer des schädlichen Refluxes gleich. Einen herben Dämpfer versetzte zudem die Rate unerwünschter mentaler oder neurologischer Nebenwirkungen. Sie wurden bei 80% der Probanden beobachtet, und das nach Einmalgabe.

Bisher lassen diese Ergebnisse also noch keine Begeisterung aufkommen, aber der Ansatz erscheint dennoch vielversprechend. Zum einen werden derzeit niedrigere Dosierungen (10 mg drei- oder viermal täglich) getestet, zum anderen versucht man, vom Baclofen ausgehend einen spezifischeren Agonisten zu finden, da es inzwischen gelang, den GABA-Rezeptor zu klonen. Vielleicht öffnet sich damit doch ein Weg zur gezielteren  Behandlung des ösophagealen Refluxes.


Letale Ösophagusvarizenblutung

Jetzt ist es Zeit, Ihre Patienten zu warnen!

GENF – Auf zwei Wintermonate entfielen 40% aller letalen Ösophagus-Varizenblutungen in einer rumänischen Studie, die C. Cojocariu und Kollegen vom St. Spiridon Spital in Iasi am UEGW vorstellten. Die Monate April bis Oktober scheinen offensichtlich in dieser Hinsicht deutlich weniger gefährlich zu sein.

Die Arbeitsgruppe untersuchte 217 Todesfälle an Varizenblutungen auf ihre saisonale Verteilung hin. 18,4% der letalen Ereignisse in der Gesamtgruppe traten im Dezember, 21,7% im Januar auf. Bei den Männern entfiel sogar fast ein Viertel der Todesfälle (23%) auf den Januar. Auch in den übrigen kalten Monaten lag die Mortalitätsrate höher als im Frühling und Sommer. Als mögliche Ursache diskutieren die Autoren den höheren Blutdruck bei Kälte, vor allem aber den vermehrten Alkoholkonsum anlässlich verschiedener feierlicher Anlässe im Dezember und Januar. Also lieber nicht grosszügig auf das neue Jahr anstossen, sonst könnte es das letzte sein!

Für alle Texte auf dieser Seite gilt: © Medical Tribune-Online Schweiz, Dr. Ulrike Novotny

 

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