Medical Tribune AG



Samstag, 04.02.2012     Medical Tribune Group





Berichte vom 9th International Congress on Obesity, São Paulo, Brasilien, (2002)

 

 


Internationaler Adipositas-Kongress

SÃO PAULO – Vom 24. bis 29. August 2002 fand in Brasilien der 9th International Congress on Obesity mit über 3 000 Teilnehmern aus aller Welt statt. Erstmals wählte die International Association for the Study of Obesity (IASO) als Durchführungsort ihres alle vier Jahre organisierten Kongresses ein Land der Südhalbkugel.

Adipositas stellt nicht nur in reichen, sondern zunehmend auch in ärmeren Ländern der Welt ein ernstes Gesundheitsproblem dar. Die Association Suisse pour l’Etude du Métabolisme et de l’Obésité ist als nationale Organisation der IASO angeschlossen. Dr. Yves Schutz, Lausanne, ist der Vertreter der Schweiz in der IASO.

Über die Höhepunkte des internationalen Adipositas-Kongresses, der im Hotel Transamérica stattfand, berichtet unser Reporter direkt aus São Paulo berichten.

Website des Kongresses: www.9ico.com

Website der IASO: www.iaso.org

  Congress on Obesity

"Dieses Adipositas-Medikament wirkt ja nicht."

Warum sind Hausärzte so enttäuscht?

SÃO PAULO – Weltweit werden derzeit hauptsächlich zwei Medikamente zur Adipositas-Behandlung verwendet: Orlistat und Sibutramin. Schon in mehreren Langzeitstudien wurde nachgewiesen, dass es mit Orlistat möglich ist, signifikante Gewichtsreduktionen zu erzielen und während zwei Jahren beizubehalten. Von der Wirksamkeit von Orlistat überzeugt, wurden die Ärzte einer schwedischen Adipositas-Klinik stutzig, weil sie in letzter Zeit häufig in Überweisungsschreiben von Hausärzten den Satz lasen: "Orlistat wirkt nicht." Auch wiesen die Hausärzte darauf hin, dass manche Patienten über Nebenwirkungen wie Bauchschmerzen, Flatulenz oder Diarrhoe klagten. Was ist denn in der Hausarztpraxis los mit diesem bewährten Medikament? Am 9th International Congress on Obesity berichtete Dr. Yvonne Linne, Huddinge University Hospital, Stockholm, was die Nachforschungen der schwedischen Adipositas-Spezialisten ergaben.

70 Patienten, welche von Hausärzten überwiesen wurden, erhielten von der Adipositas-Klinik vor Behandlungsbeginn einen Fragebogen zur bisherigen ärztlichen Beratung und zur Orlistat-Therapie. Das Durchschnittsalter der Befragten betrug 44 Jahre und der Körper-Massen-Index (BMI) 39,9 kg/m2. 80% der Patienten waren vom Arzt über mögliche Nebenwirkungen informiert worden, 78% hatten Diätanweisungen erhalten, aber lediglich 40% waren instruiert worden, die Fettaufnahme zu reduzieren. Wenn aber der Lipasehemmer Orlistat mit zu fettreichen Mahlzeiten eingenommen wird, ist natürlich vermehrt mit gastrointestinalen Nebenwirkungen zu rechnen.
Als Voraussetzung für den Einsatz von Orlistat bei adipösen Patienten wird in Schweden gemäss den EU-Empfehlungen eine initiale Gewichtsreduktion von 2,5 kg im ersten Monat und eine zusätzliche Gewichtsabnahme von 5% innerhalb von drei Monaten gefordert. Das erste Kriterium (initiale Gewichtsreduktion) erfüllten aber nur 57% und das zweite Kriterium sogar nur 33% der Patienten. 20% der Patienten fanden Orlistat insgesamt hilfreich, 33% kamen mit den Nebenwirkungen nicht zurecht und 50% sprachen sich gegen eine erneute Orlistat-Behandlung aus. Wenn die adipöse Patienten zu wenig genau informiert werden und die grundlegenden Elemente der Adipositas-Therapie (Diät und körperliche Betätigung) nicht genügend Beachtung finden, ist es nicht erstaunlich, dass Orlistat "nicht wirkt", kommentierte Frau Dr. Linne.

Capoeira-Vorführung

 

Capoeira-Vorführung in der Kongresspause

Dieser brasilianische Kampftanz, begleitet von Berimbau-Klängen (bogenförmiges Saiteninstrument), ist hoch wirksam zur Vorbeugung von Übergewicht und Adipositas.

 

Körperliche Inaktivität

Ursache oder Folge der Adipositas?

SÃO PAULO – Körperliche Aktivität gilt seit langem als probates Mittel, um der Entwicklung von Übergewicht und Adipositas vorzubeugen. Die simple Energiebilanzgleichung – Änderung der Energievorräte gleich Energieaufnahme minus Energieverbrauch – spricht dafür, dass körperliche Inaktivität eine wichtige Rolle bei der Gewichtszunahme infolge von Fetteinlagerung spielt.

Zwar ist dieser ursächliche Zusammenhang einleuchtend, nachgewiesen ist aber lediglich, dass Adipöse umso inaktiver sind, je höher ihr Body-Mass-Index klettert. In zwei dänischen Longitudinal-Studien mit wiederholter Messung von körperlicher Aktivität und Körpergewicht in der Bevölkerung wurde festgestellt, dass sich eine spätere Adipositas nicht aufgrund des körperlichen Aktivitätsniveaus vorhersagen lässt. Hingegen erwies sich das Ausmass der Adipositas als Prädiktor späterer körperlicher Inaktivität, berichtete T.I.A. Sørensen, Institute of Preventive Medicine, Copenhagen University Hospital, Kopenhagen, Dänemark, am 9th International Congress on Obesity.

 

Diobesity – Diabetes und Adipositas

Globales Problem erster Priorität

SÃO PAULO – Die weltweite Zunahme der Erkrankungen an Typ-2-Diabetes ist hauptsächlich eine Folge der aktuellen Adipositas-Epidemie, wie Dr. George Bray, Pennington Center, Baton Rouge, USA, am 9th International Congress on Obesity darlegte. Die Gewichtszunahme bewirkt schon früh eine Insulinresistenz.

Sogar bei Adoleszenten nimmt die Häufigkeit von Typ-2-Diabetes beängstigend zu. Weil etwa zwanzig Jahre nach Diabetesbeginn mit den gefürchteten Komplikationen gerechnet werden muss, machen sich Experten darauf gefasst, dass schon bald vermehrt Patienten im Alter zwischen 30 und 40 Jahren an Nierenversagen und koronarer Herzkrankheit erkranken werden, erblinden oder Amputationen benötigen. Aufgrund der Zusammenhänge zwischen Adipositas (obesity) und Diabetes wurde das Schlagwort "Diobesity" geprägt, wobei einige Experten im Hinblick auf den zeitlichen Ablauf den Ausdruck "Obesabetes" bevorzugen.

Auch das metabolische Syndrom treibt das kardiovaskuläre Erkrankungsrisiko beträchtlich in die Höhe. In der Québec Cardiovascular Study erhöhte das metabolische Syndrom das koronare Erkrankungsrisiko bei Männern mittleren Alters mehr als zwanzigfach! Die abdominale Adipositas mit viszeraler Fetteinlagerung spielt beim metabolischen Syndrom eine entscheidende Rolle, erklärte J.P. Després, Québec Heart Institute, Ste-Foy, Kanada. Er berichtete, dass Personen vom "hypertriglyzeridämischen Taillen-Phänotyp", d. h. mit einem Taillenumfang von über 90 cm und einem Serumtrigyzeridwert von über 2,0 mmol/l, mit hoher Wahrscheinlichkeit (80%) ein metabolisches Syndrom mit abdominaler Adipositas aufweisen.

 

Mit Spannung erwartete Resultate

XENDOS-Studie: Erfolgreiche Diabetes-Prävention mit Orlistat

SÃO PAULO – Die Präsentation der Resultate der grossen, vierjährigen Diabetes-Präventionsstudie XENDOS (XENical in the prevention of Diabetes in Obese Subjects) bildete den Höhepunkt des 9th International Congress on Obesity. Orlistat (Xenical®) erhöht die Wirksamkeit einer nichtmedikamentösen Adipositas-Behandlung signifikant. Während allen vier Jahren war die Gewichtsreduktion mit Orlistat stärker ausgeprägt und die Häufigkeit neuer Diabeteserkrankungen geringer als in der Vergleichsgruppe, berichtete Professor Dr. Lars Sjöström, Sahlgrenska University Hospital, Gothenburg, Schweden.

Die randomisierte, plazebokontrollierte Doppelblindstudie wurde mit 3304 adipösen Frauen und Männern (Body-Mass-Index von mindestens 30 kg/m2) an 22 schwedischen Zentren durchgeführt. 21% der 30- bis 60-jährigen Patienten wiesen zu Beginn eine abnorme Glukosetoleranz (IGT = impaired glucose tolerance) auf. Die nicht-medikamentöse Adipositas-Therapie bestand in beiden Behandlungsgruppen aus einer um 800 kcal reduzierten Diät und mässig intensiver körperlicher Bewegung. In der Orlistat-Gruppe nahmen die Patienten zusätzlich dreimal täglich 120 mg Xenical® ein, in der Kontrollgruppe dreimal ein Plazebo. In der Orlistat-Gruppe hielten 52% der Patienten die lange Behandlungszeit durch, in der Plazebogruppe dagegen nur 34%.   Prof. Sjöström
Professor Dr. Lars Sjöström

Die durchschnittliche Gewichtsabnahme erreichte nach einem Jahr ihr Maximum (11,4 bzw. 7,5 kg) und blieb während der ganzen vierjährigen Behandlungszeit in der Orlistat-Gruppe signifikant grösser als in der Vergleichsgruppe. Nach vier Jahren betrug die Gewichtsreduktion 6,9 kg (in der Plazebogruppe 4,1 kg). Eine Gewichtsabnahme von mindestens 10% wiesen nach vier Jahren immer noch 26% der Patienten in der Orlistat-Gruppe auf, verglichen mit 16% in der Plazebogruppe. Nach vier Jahren betrug die kumulative Inzidenz von Typ-2-Diabetes in der Plazebogruppe 9,0%, in der Orlistat-Gruppe dagegen nur 6,2%. Damit nahm das relative Risiko, einen Diabetes zu entwickeln, dank Orlistat-Behandlung signifikant um 37% ab.

Die Orlistat-Therapie beeinflusste auch weitere Komponenten des metabolischen Syndroms günstig. Verglichen mit Plazebo, nahmen die durchschnittlichen LDL-Cholesterinwerte, die Blutdruckwerte und der Taillenumfang mit Orlistat signifikant stärker ab. Die bekannten gastrointestinalen Nebenwirkungen gingen im Verlauf der vierjährigen Behandlung in ihrer Häufigkeit laufend zurück. Es kam mit Orlistat nicht zu einer Reduktion der Spiegel fettlöslicher Vitamine auf abnorme Werte. Experten bezeichneten in São Paulo die XENDOS-Studie als einen Meilenstein auf dem Gebiet der Diabetesprävention bei adipösen Patienten.


Fett versus Kohlenhydrate

Diätdebatte: Macht Fett fetter?

SÃO PAULO – Drei Metaanalysen von randomisierten klinischen Studien kommen übereinstimmend zur Schlussfolgerung, dass Fett stärker fett macht als Stärke. Werden nämlich beim Fettanteil der Ernährung 10 Energieprozente durch Stärke-Kohlenhydrate ersetzt, kommt es zu einer Gewichtsabnahme von 3 bis 4 kg bei Normal- und Übergewichtigen und von 5 bis 6 kg bei Adipösen.

Vermehrte körperliche Aktivität jeden Tag unterstützt die durch Niedrig-Fett-Diät erzielte Gewichtsreduktion noch zusätzlich. Dies berichtete Dr. Arne Astrup, Research Department of Human Nutrition, Centre for Advanced Food Studies, Royal Veterinary and Agricultural University, Frederiksberg, Dänemark, am 9th International Congress on Obesity. Fett sollte in der Nahrung nicht durch Zucker, sondern durch komplexe Kohlenhydrate und Protein ersetzt werden. Vorsicht ist besonders bei zuckerhaltigen Getränken am Platz, denn diese machen fast so fett wie Fett!

Gewichtszunahme nach dem Abspecken verhindern

Täglich 30 Minuten Bewegung genügen nicht

SÃO PAULO – Zur Vorbeugung von Diabetes und koronarer Herzkrankheit wird üblicherweise mässig intensive körperliche Betätigung von 30 Minuten Dauer täglich empfohlen. Diese Aktivitätsempfehlungen sind aber ungenügend, um der Entstehung von Übergewicht vorzubeugen und um bei Adipösen eine erneute Gewichtszunahme nach dem Abspecken zu verhindern.

Dies berichtete Dr. Wim Saris, Nutrition Research Centre, Universität Maastricht, Holland, am 9th International Congress on Obesity. An der ersten Mike Stock Conference hatten sich Experten im März dieses Jahres in Bangkok darauf geeinigt, zur Verhinderung einer erneuten Gewichtszunahme bei früher adipösen Personen täglich 60 bis 90 Minuten mässig intensive Körperaktivität zu empfehlen. 45 bis 60 Minuten täglich sind wahrscheinlich zur Vorbeugung von Übergewicht und Adipositas erforderlich. Bei Kindern wird noch mehr körperliche Aktivität empfohlen.

  Instituto Butantan
Das weltberühmte Instituto Butantan in São Paulo, das Schlangengiftseren und Impfstoffe herstellt.

 

Plausibel oder absurd?

Adipositas als Virusinfektion

SÃO PAULO – Der Gedanke an eine infektiöse Ursache von Übergewicht und Adipositas wird wohl von den meisten Ärzten in der Praxis mit Befremden abgelehnt. Doch ganz so absurd ist die Hypothese nicht, denn bisher wurden bereits 7 pathogene Mikroorganismen bei Mäusen, Hühnern, Ratten und Hamstern als Ursache von Adipositas identifiziert.

Dies berichtete Dr. Nikhil Dhurandhar, Wayne State University, Detroit, USA, am Ninth International Congress on Obesity. Unter den verschiedenen "Adipositas-Viren" stechen besonders die Adenoviren SMAM-1 und Ad-36 hervor, die möglicherweise auch bei menschlicher Adipositas eine Rolle spielen. Personen mit Ad-36-Antikörpern sind schwerer als Vergleichspersonen ohne Antikörper. Ad-36-Viren begünstigen die Fettzelldifferenzierung und verstärken die Lipideinlagerung.

  Schlangen
Giftschlangen im Instituto Butantan.

 

Rhesusaffe
Rhesusaffe im Instituto Butantan
 

Sibutramin und Orlistat

Kombinationsbehandlung erfolgreich und gut verträglich

SÃO PAULO – Obschon bisher keine randomisierten Studien vorliegen, setzen Adipositasspezialisten die Kombinationsbehandlung von Sibutramin und Orlistat oft ein, berichtete Professor Dr. Alfredo Halpern, Hospital das Clínicas da FMUSP, São Paulo, Brasilien, am Ninth International Congress on Obesity.

Die Kombinationsbehandlung macht Sinn, weil der Wirkmechanismus der beiden Medikamente verschieden ist. Um die Wirksamkeit und Verträglichkeit zu prüfen, behandelte Prof. Halpern 163 Frauen und 127 Männer im Alter von 14 bis 72 Jahren während 6 Monaten mit täglich 10 bis 20 mg Sibutramin und dreimal täglich 120 mg Orlistat. Zu Beginn betrug das durchschnittliche Körpergewicht der 290 adipösen Patienten 108,1 kg und der Body-Mass-Index 37,4 kg/m2. Die während 3 Monaten behandelten 144 Patienten erreichten eine durchschnittliche Gewichtsabnahme von 10,8 kg (10%) und die während 6 Monaten behandelten 51 Patienten nahmen 15 kg (13,8%) ab. Die Nebenwirkungen wurden als vorübergehend und leicht eingestuft (fettiger Stuhl, vermehrte Defäkation, Flatulenz mit Stuhlabgang).

 

 

 

 

 

 





 
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