 |
|
Internationaler
Adipositas-Kongress
SÃO
PAULO – Vom 24. bis 29.
August 2002 fand in Brasilien der 9th International Congress
on Obesity mit über 3 000 Teilnehmern aus aller Welt statt.
Erstmals wählte die International Association for the Study
of Obesity (IASO) als Durchführungsort ihres alle vier Jahre
organisierten Kongresses ein Land der Südhalbkugel.
Adipositas
stellt nicht nur in reichen, sondern zunehmend auch in ärmeren
Ländern der Welt ein ernstes Gesundheitsproblem dar. Die Association
Suisse pour l’Etude du Métabolisme et de l’Obésité
ist als nationale Organisation der IASO angeschlossen. Dr. Yves
Schutz, Lausanne, ist der Vertreter der Schweiz in der IASO.
Über
die Höhepunkte des internationalen Adipositas-Kongresses, der
im Hotel Transamérica stattfand, berichtet unser Reporter
direkt aus São Paulo berichten.
Website
des Kongresses: www.9ico.com
Website
der IASO: www.iaso.org
|
|
 |
"Dieses Adipositas-Medikament
wirkt ja nicht."
Warum
sind Hausärzte so enttäuscht?
SÃO
PAULO – Weltweit werden derzeit hauptsächlich zwei Medikamente zur
Adipositas-Behandlung verwendet: Orlistat und Sibutramin. Schon in mehreren
Langzeitstudien wurde nachgewiesen, dass es mit Orlistat möglich
ist, signifikante Gewichtsreduktionen zu erzielen und während zwei
Jahren beizubehalten. Von der Wirksamkeit von Orlistat überzeugt,
wurden die Ärzte einer schwedischen Adipositas-Klinik stutzig, weil
sie in letzter Zeit häufig in Überweisungsschreiben von Hausärzten
den Satz lasen: "Orlistat wirkt nicht." Auch wiesen die Hausärzte
darauf hin, dass manche Patienten über Nebenwirkungen wie Bauchschmerzen,
Flatulenz oder Diarrhoe klagten. Was ist denn in der Hausarztpraxis los
mit diesem bewährten Medikament? Am 9th International Congress
on Obesity berichtete Dr. Yvonne Linne, Huddinge University Hospital,
Stockholm, was die Nachforschungen der schwedischen Adipositas-Spezialisten
ergaben.
70 Patienten,
welche von Hausärzten überwiesen wurden, erhielten von der Adipositas-Klinik
vor Behandlungsbeginn einen Fragebogen zur bisherigen ärztlichen
Beratung und zur Orlistat-Therapie. Das Durchschnittsalter der Befragten
betrug 44 Jahre und der Körper-Massen-Index (BMI) 39,9 kg/m2.
80% der Patienten waren vom Arzt über mögliche Nebenwirkungen
informiert worden, 78% hatten Diätanweisungen erhalten, aber lediglich
40% waren instruiert worden, die Fettaufnahme zu reduzieren. Wenn aber
der Lipasehemmer Orlistat mit zu fettreichen Mahlzeiten eingenommen wird,
ist natürlich vermehrt mit gastrointestinalen Nebenwirkungen zu rechnen.
Als Voraussetzung für den Einsatz von Orlistat bei adipösen
Patienten wird in Schweden gemäss den EU-Empfehlungen eine initiale
Gewichtsreduktion von 2,5 kg im ersten Monat und eine zusätzliche
Gewichtsabnahme von 5% innerhalb von drei Monaten gefordert. Das erste
Kriterium (initiale Gewichtsreduktion) erfüllten aber nur 57% und
das zweite Kriterium sogar nur 33% der Patienten. 20% der Patienten fanden
Orlistat insgesamt hilfreich, 33% kamen mit den Nebenwirkungen nicht zurecht
und 50% sprachen sich gegen eine erneute Orlistat-Behandlung aus. Wenn
die adipöse Patienten zu wenig genau informiert werden und die grundlegenden
Elemente der Adipositas-Therapie (Diät und körperliche Betätigung)
nicht genügend Beachtung finden, ist es nicht erstaunlich, dass Orlistat
"nicht wirkt", kommentierte Frau Dr. Linne.

|
|
Capoeira-Vorführung
in der Kongresspause
Dieser
brasilianische Kampftanz, begleitet von Berimbau-Klängen (bogenförmiges
Saiteninstrument), ist hoch wirksam zur Vorbeugung von Übergewicht
und Adipositas.
|
Körperliche
Inaktivität
Ursache
oder Folge der Adipositas?
SÃO
PAULO – Körperliche Aktivität gilt seit langem als probates
Mittel, um der Entwicklung von Übergewicht und Adipositas vorzubeugen.
Die simple Energiebilanzgleichung – Änderung der Energievorräte
gleich Energieaufnahme minus Energieverbrauch – spricht dafür, dass
körperliche Inaktivität eine wichtige Rolle bei der Gewichtszunahme
infolge von Fetteinlagerung spielt.
Zwar ist
dieser ursächliche Zusammenhang einleuchtend, nachgewiesen ist aber
lediglich, dass Adipöse umso inaktiver sind, je höher ihr Body-Mass-Index
klettert. In zwei dänischen Longitudinal-Studien mit wiederholter
Messung von körperlicher Aktivität und Körpergewicht in
der Bevölkerung wurde festgestellt, dass sich eine spätere Adipositas
nicht aufgrund des körperlichen Aktivitätsniveaus vorhersagen
lässt. Hingegen erwies sich das Ausmass der Adipositas als Prädiktor
späterer körperlicher Inaktivität, berichtete T.I.A.
Sørensen, Institute of Preventive Medicine, Copenhagen University
Hospital, Kopenhagen, Dänemark, am 9th International Congress
on Obesity.
Diobesity
– Diabetes und Adipositas
Globales
Problem erster Priorität
SÃO
PAULO – Die weltweite Zunahme der Erkrankungen an Typ-2-Diabetes ist hauptsächlich
eine Folge der aktuellen Adipositas-Epidemie, wie Dr. George Bray, Pennington
Center, Baton Rouge, USA, am 9th International Congress on Obesity
darlegte. Die Gewichtszunahme bewirkt schon früh eine Insulinresistenz.
Sogar bei
Adoleszenten nimmt die Häufigkeit von Typ-2-Diabetes beängstigend
zu. Weil etwa zwanzig Jahre nach Diabetesbeginn mit den gefürchteten
Komplikationen gerechnet werden muss, machen sich Experten darauf gefasst,
dass schon bald vermehrt Patienten im Alter zwischen 30 und 40 Jahren
an Nierenversagen und koronarer Herzkrankheit erkranken werden, erblinden
oder Amputationen benötigen. Aufgrund der Zusammenhänge zwischen
Adipositas (obesity) und Diabetes wurde das Schlagwort "Diobesity" geprägt,
wobei einige Experten im Hinblick auf den zeitlichen Ablauf den Ausdruck
"Obesabetes" bevorzugen.
Auch das
metabolische Syndrom treibt das kardiovaskuläre Erkrankungsrisiko
beträchtlich in die Höhe. In der Québec Cardiovascular
Study erhöhte das metabolische Syndrom das koronare Erkrankungsrisiko
bei Männern mittleren Alters mehr als zwanzigfach! Die abdominale
Adipositas mit viszeraler Fetteinlagerung spielt beim metabolischen Syndrom
eine entscheidende Rolle, erklärte J.P. Després, Québec
Heart Institute, Ste-Foy, Kanada. Er berichtete, dass Personen vom "hypertriglyzeridämischen
Taillen-Phänotyp", d. h. mit einem Taillenumfang von über 90
cm und einem Serumtrigyzeridwert von über 2,0 mmol/l, mit hoher Wahrscheinlichkeit
(80%) ein metabolisches Syndrom mit abdominaler Adipositas aufweisen.
Mit
Spannung erwartete Resultate
XENDOS-Studie:
Erfolgreiche Diabetes-Prävention mit Orlistat
SÃO PAULO
– Die Präsentation der Resultate der grossen, vierjährigen Diabetes-Präventionsstudie
XENDOS (XENical in the prevention of Diabetes in Obese Subjects) bildete
den Höhepunkt des 9th International Congress on Obesity. Orlistat
(Xenical®) erhöht die Wirksamkeit einer nichtmedikamentösen Adipositas-Behandlung
signifikant. Während allen vier Jahren war die Gewichtsreduktion mit Orlistat
stärker ausgeprägt und die Häufigkeit neuer Diabeteserkrankungen geringer
als in der Vergleichsgruppe, berichtete Professor Dr. Lars Sjöström, Sahlgrenska
University Hospital, Gothenburg, Schweden.
| Die
randomisierte, plazebokontrollierte Doppelblindstudie wurde mit 3304
adipösen Frauen und Männern (Body-Mass-Index von mindestens 30 kg/m2)
an 22 schwedischen Zentren durchgeführt. 21% der 30- bis 60-jährigen
Patienten wiesen zu Beginn eine abnorme Glukosetoleranz (IGT = impaired
glucose tolerance) auf. Die nicht-medikamentöse Adipositas-Therapie
bestand in beiden Behandlungsgruppen aus einer um 800 kcal reduzierten
Diät und mässig intensiver körperlicher Bewegung. In der Orlistat-Gruppe
nahmen die Patienten zusätzlich dreimal täglich 120 mg Xenical® ein,
in der Kontrollgruppe dreimal ein Plazebo. In der Orlistat-Gruppe
hielten 52% der Patienten die lange Behandlungszeit durch, in der
Plazebogruppe dagegen nur 34%. |
|

Professor
Dr. Lars Sjöström |
Die durchschnittliche
Gewichtsabnahme erreichte nach einem Jahr ihr Maximum (11,4 bzw. 7,5 kg)
und blieb während der ganzen vierjährigen Behandlungszeit in der Orlistat-Gruppe
signifikant grösser als in der Vergleichsgruppe. Nach vier Jahren betrug
die Gewichtsreduktion 6,9 kg (in der Plazebogruppe 4,1 kg). Eine Gewichtsabnahme
von mindestens 10% wiesen nach vier Jahren immer noch 26% der Patienten
in der Orlistat-Gruppe auf, verglichen mit 16% in der Plazebogruppe. Nach
vier Jahren betrug die kumulative Inzidenz von Typ-2-Diabetes in der Plazebogruppe
9,0%, in der Orlistat-Gruppe dagegen nur 6,2%. Damit nahm das relative
Risiko, einen Diabetes zu entwickeln, dank Orlistat-Behandlung signifikant
um 37% ab.
Die Orlistat-Therapie
beeinflusste auch weitere Komponenten des metabolischen Syndroms günstig.
Verglichen mit Plazebo, nahmen die durchschnittlichen LDL-Cholesterinwerte,
die Blutdruckwerte und der Taillenumfang mit Orlistat signifikant stärker
ab. Die bekannten gastrointestinalen Nebenwirkungen gingen im Verlauf
der vierjährigen Behandlung in ihrer Häufigkeit laufend zurück. Es kam
mit Orlistat nicht zu einer Reduktion der Spiegel fettlöslicher Vitamine
auf abnorme Werte. Experten bezeichneten in São Paulo die XENDOS-Studie
als einen Meilenstein auf dem Gebiet der Diabetesprävention bei adipösen
Patienten.
Fett
versus Kohlenhydrate
Diätdebatte:
Macht Fett fetter?
SÃO
PAULO – Drei Metaanalysen von randomisierten klinischen Studien kommen
übereinstimmend zur Schlussfolgerung, dass Fett stärker fett
macht als Stärke. Werden nämlich beim Fettanteil der Ernährung
10 Energieprozente durch Stärke-Kohlenhydrate ersetzt, kommt es zu
einer Gewichtsabnahme von 3 bis 4 kg bei Normal- und Übergewichtigen
und von 5 bis 6 kg bei Adipösen.
Vermehrte
körperliche Aktivität jeden Tag unterstützt die durch Niedrig-Fett-Diät
erzielte Gewichtsreduktion noch zusätzlich. Dies berichtete Dr.
Arne Astrup, Research Department of Human Nutrition, Centre for Advanced
Food Studies, Royal Veterinary and Agricultural University, Frederiksberg,
Dänemark, am 9th International Congress on Obesity. Fett sollte
in der Nahrung nicht durch Zucker, sondern durch komplexe Kohlenhydrate
und Protein ersetzt werden. Vorsicht ist besonders bei zuckerhaltigen
Getränken am Platz, denn diese machen fast so fett wie Fett!
|
Gewichtszunahme
nach dem Abspecken verhindern
Täglich
30 Minuten Bewegung genügen nicht
SÃO
PAULO – Zur Vorbeugung von Diabetes und koronarer Herzkrankheit
wird üblicherweise mässig intensive körperliche Betätigung
von 30 Minuten Dauer täglich empfohlen. Diese Aktivitätsempfehlungen
sind aber ungenügend, um der Entstehung von Übergewicht
vorzubeugen und um bei Adipösen eine erneute Gewichtszunahme
nach dem Abspecken zu verhindern.
Dies
berichtete Dr. Wim Saris, Nutrition Research Centre, Universität
Maastricht, Holland, am 9th International Congress on Obesity.
An
der ersten Mike Stock Conference hatten sich Experten im März
dieses Jahres in Bangkok darauf geeinigt, zur Verhinderung einer
erneuten Gewichtszunahme bei früher adipösen Personen
täglich 60 bis 90 Minuten mässig intensive Körperaktivität
zu empfehlen. 45 bis 60 Minuten täglich sind wahrscheinlich
zur Vorbeugung von Übergewicht und Adipositas erforderlich.
Bei Kindern wird noch mehr körperliche Aktivität empfohlen.
|
|

Das
weltberühmte Instituto Butantan in São Paulo, das Schlangengiftseren
und Impfstoffe herstellt. |
|
Plausibel
oder absurd?
Adipositas
als Virusinfektion
SÃO
PAULO – Der Gedanke an eine infektiöse Ursache von Übergewicht
und Adipositas wird wohl von den meisten Ärzten in der Praxis
mit Befremden abgelehnt. Doch
ganz so absurd ist die Hypothese nicht, denn bisher wurden bereits
7 pathogene Mikroorganismen bei Mäusen, Hühnern, Ratten
und Hamstern als Ursache von Adipositas identifiziert.
Dies
berichtete Dr. Nikhil Dhurandhar, Wayne State University, Detroit,
USA, am Ninth International Congress on Obesity. Unter den verschiedenen
"Adipositas-Viren" stechen besonders die Adenoviren SMAM-1 und Ad-36
hervor, die möglicherweise auch bei menschlicher Adipositas
eine Rolle spielen. Personen mit Ad-36-Antikörpern sind schwerer
als Vergleichspersonen ohne Antikörper. Ad-36-Viren begünstigen
die Fettzelldifferenzierung und verstärken die Lipideinlagerung.
|
|

Giftschlangen
im Instituto Butantan. |

Rhesusaffe
im Instituto Butantan |
|
Sibutramin
und Orlistat
Kombinationsbehandlung
erfolgreich und gut verträglich
SÃO
PAULO – Obschon bisher keine randomisierten Studien vorliegen, setzen
Adipositasspezialisten die Kombinationsbehandlung von Sibutramin
und Orlistat oft ein, berichtete Professor Dr. Alfredo Halpern,
Hospital das Clínicas da FMUSP, São Paulo, Brasilien,
am Ninth International Congress on Obesity.
Die
Kombinationsbehandlung macht Sinn, weil der Wirkmechanismus der
beiden Medikamente verschieden ist. Um die Wirksamkeit und Verträglichkeit
zu prüfen, behandelte Prof. Halpern 163 Frauen und 127 Männer
im Alter von 14 bis 72 Jahren während 6 Monaten mit täglich
10 bis 20 mg Sibutramin und dreimal täglich 120 mg Orlistat.
Zu Beginn betrug das durchschnittliche Körpergewicht der 290
adipösen Patienten 108,1 kg und der Body-Mass-Index 37,4 kg/m2.
Die während 3 Monaten behandelten 144 Patienten erreichten
eine durchschnittliche Gewichtsabnahme von 10,8 kg (10%) und die
während 6 Monaten behandelten 51 Patienten nahmen 15 kg (13,8%)
ab. Die Nebenwirkungen wurden als vorübergehend und leicht
eingestuft (fettiger Stuhl, vermehrte Defäkation, Flatulenz
mit Stuhlabgang).
|
|
|