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Jahrestreffen
der European Respiratory Society in Wien (2003)
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Rauben
Sie dem Patienten die Ruhe
WIEN
– Bei einer akuten Verschlechterung der Lungenfunktion neigt der COPD-Patient
stark dazu, alle viere von sich zu strecken und nichts mehr zu tun. Mit apparativem
Aufwand nachgemessen, verbringt er am ersten Tag einer Exazerbation gerade einmal
10 Minuten auf den eigenen Füssen. Dass sich eine physische Aktivierung
aber bereits ab dem ersten Spital-Tag lohnen würde, zeigte Dr. Thierry
Troosters, Universität Leuven, am Kongress der European Respiratory
Society.
Es
sei wichtig, bereits in der akuten Phase eine Rehabilitation des COPD-Patienten
einzuleiten und diese dann konsequent weiter zu führen. Wenn sich Patienten
mehr bewegen, steigern sie ihre ventilatorische Kapazität, die Hypoxie
verringert sich und der Muskelabbau wird gebremst. Eine von Anfang an durchgeführte
Rehabilitation kann die Rate an späteren Exazerbationen halbieren, ebenso
wie die Rate der Spitaleinweisungen im weiteren Verlauf. All das zeigten präliminäre
Daten der Arbeitsgruppe von Dr. Troosters. Die Nutzung einer Heim-Sauerstoff-Therapie
war in einer Studiengruppe mit Rehabilitation bei zwei Patienten notwendig,
in einer Vergleichsgruppe bei zehn Patienten. Diese Rehabilitation umfasste
in den ersten 6 Monaten 60 Gruppenstunden mit physikalischer Therapie, anschliessend
noch einmal 6 Monate mit einer einmal wöchentlichen Physiotherapie. Aber
auch ein Rollator ("Gehwägeli") verbessert den Zustand der Patienten
deutlich und ist dem passiven Dasein auf der Couch vorzuziehen. Hierzu gab es
bereits Studienergebnisse (Probst, 2003), die der Pneumologe Dr. Troosters durch
eigene Untersuchungen bestätigen konnte.
Noch
sind allerdings nicht alle Probleme im Zusammenhang mit der physischen Aktivierung
gelöst. So könnte Bewegung den oxidativen Stress steigern. Hier sind
therapeutische Optionen interessant, die antioxidativ wirken. Dr. Troosters
verwies auf Acetylcystein als Beispiel. UNo
Selbst-Management
bei COPD: Eher
ein Holzweg
WIEN
– Bei vielen chronischen Krankheiten hat es sich inzwischen bewährt, dass
Patienten ihre Behandlung in die eigene Hand nehmen. Dr. Paul van der Valk,
Universität von Enschede, stellte die Hypothese auf, dass das auch bei
der chronisch obstruktiven Lungenkrankheit der Fall sein müsse. Das Ergebnis
einer entsprechend angelegten Studie, von ihm am Kongress der European Respiratory
Society vorgestellt, ermutigt allerdings nicht sonderlich zum Nachmachen, wenn
auch andere Arbeitsgruppen ein uneinheitliches Bild hierzu zeichneten.
Sowohl
eine Cochrane-Review wie auch eine aktuelle Studie aus Kanada dieses Jahres
(Bourbeau 2003) hatten widersprüchliche Ergebnisse zum Selbstmanagement
erbracht. Die Patienten der Arbeitsgruppe von Dr. van der Valk, allesamt
im stabilen Stadium, erhielten eine optimierte Therapie, wurden speziell noch
einmal in der Anwendung von Inhalern geschult, zur Rauchentwöhnung ermutigt
und erhielten als Kernstück des Selbstmanagements fünf zweistündige
Informationseinheiten in einer Gruppe von 8-10 Mitpatienten. Bei Exazerbationen
sollten die Patienten sich selbst mit den geeigneten Massnahmen (Steroide, Antibiotika)
behandeln. Die Beobachtung lief über zwei Jahre. Die Gesamtzahl der Exazerbationen
lag in der Selbst-Management-Gruppe etwa doppelt so hoch wie in der konventionell
behandelten Gruppe. Die Arztkontakte nahmen um 49% ab, und wenn sie stattfanden,
wurden Exazerbationen eher verschwiegen. Insgesamt resümierte Dr. van der
Valk, dass er keinen positiven Effekt des Selbstmanagements in seiner Gruppe
sah und damit veranlasst war, seine Hypothese zu verwerfen. UNo
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Schnupfen
Für
Männer nicht banal, sondern ein Risikofaktor
WIEN
– Selten, dass Schnupfen Gegenstand eines hochrangigen internationalen
Kongresses ist. Am ESC-Kongress ist das etwas anderes. Dr. Sabine Kony
vom INSERM, Paris, konnte zeigen, dass Männer im besten Alter, die
an Infekten der oberen Atemwege leiden, ein erhöhtes kardiovaskuläres
Risiko haben. Bei Frauen ist dies nicht der Fall.
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Die
Populationsstudie schloss 146 Männer und 170 Frauen zwischen 28 und 56
Jahren ein. Mittels Fragebogen wurde nach Schnupfen und nach kardiovaskulären
Daten gefahndet. Zusätzlich wurde bei allen Probanden der Blutdruck gemessen.
Männer mit Schnupfen hatten deutlich höhere systolische Blutdrücke
und dreimal häufiger eine manifeste Hypertonie als Männer ohne Schnupfen.
Beides war umso ausgeprägter, je zahlreicher die Schnupfenepisoden pro
Jahr waren, auch nach Korrektur für verschiedene andere kardiovaskuläre
Risikofaktoren. Die Autoren der Studie vermuten einen Zusammenhang mit Schnarchen
oder obstruktivem Schlaf-Apnoe-Syndrom, da dies ebenfalls mit einem erhöhten
kardiovaskulären Risiko verknüpft ist. Mit dieser Untersuchung ergab
sich erstmals ein Hinweis, dass nicht nur Infekte der tiefen Atemwege das kardiovaskuläre
Risiko steigern. UNo
Chopin’s Disease
Diese
Fragen stellen, und Sie wissen Bescheid
WIEN
– Eine Tuberkulose zu haben, ist in manchen Populationen mit einem ungeheuren
Stigma versehen. Vor allem Frauen und Ältere generell leugnen nicht selten,
jemals eine Tuberkulose gehabt zu haben, weiss Dr. Jean-Pierre Zellweger, Lausanne,
aus der Praxis. Eine TB-Anamnese ist jedoch für den Arzt ein wichtiger
Hinweis auf eine Mehrfach-Resistenz gegenüber Tuberkulostatika, und dieser
Hinweis wiederum sollte die Therapie steuern. Dr. Zellweger riet, sich dem aufschlussreichen
anamnestischen Punkt über Schleichwege zu nähern.
Als
einen besonderen Verdrängungskünstler lernte er einen dreissigjährigen
polnischen Ingenieur mit einem verdächtigen Schatten im Lungen-Röntgenbild
kennen. Nein, Tuberkulose habe er nie gehabt. Nein, auch seine Verwandten nie.
Eine schwere Lungenkrankheit in seiner Verwandtschaft? Ja, an einer solchen
sei seine Mutter gestorben. Was sie genau gehabt habe? Das sei die Chopin-Krankheit
gewesen. Diese Diagnose ist in Polen sozial anerkannt, auch wenn sich nichts
anderes als die Mykobakterien-Infektion dahinter verbirgt, die zur Debatte stand.
Um
weniger abhängig von biografischen Kenntnissen zu sein, schlägt Dr.
Zellweger einige Fragen vor, um bei Verneinen einer TB trotz begründeten
Verdachtes weiter zu kommen:
- Waren
Sie lange wegen einer schweren Krankheit im Krankenhaus? (Mehrere Wochen oder
sogar Monate)
- Hatten Sie über
längere Zeit einen roten Urin, während Sie Medikamente einnahmen?
(Rifampicin!)
- Erhielten Sie
wegen einer Krankheit gleichzeitig Tabletten und Spritzen?
- Erkrankte jemand
aus Ihrer Familie schwer, so dass eine längere Behandlung notwendig war?
(Bei Tuberkulostatika-Resistenten erkranken Angehörige oft innerhalb
eines Jahres ebenfalls)
Bei
früher durchgemachter Tuberkulose und erneuten damit in Zusammenhang stehenden
Beschwerden ist es besonders wichtig, eine konsequente Behandlung vorzunehmen,
weil resistente Erreger und chronische Tuberkulose nicht nur für den Patienten
schlecht sind, sondern auch für die Bevölkerung ein nicht zu unterschätzendes
Problem darstellen. UNo
Resistenzen
gegen Tuberkulostatika
Mit menschlichem
Versagen ist zu rechnen ...
WIEN – Traumhafte
Compliance-Raten von 97% bei der Einnahme von Tuberkulostatika sind in Gefängnissen
zu erzielen. Ansonsten ist es schwierig, Menschen die für die Standardtherapie
notwendigen 840 Pillen innerhalb von 6 Monaten beizubringen, wenn sie sich eigentlich
nicht mehr krank fühlen, wohl aber Nebenwirkungen wahrnehmen. Am Kongress
der European Respiratory Society wurden Methoden diskutiert, wie sich dieses
menschlich verständliche Problem besser in den Griff bekommen lässt.
Dr. Peter D.
Davies, Tuberculosis Unit im Cardiothoracic Centre Liverpool, nennt die
Non-Compliance als eine wesentliche Ursache für Tuberkulostatika-Resistenzen.
Jedoch ist teilweise auch eine falsche Behandlung schuld. Anzufangen ist immer
mit einer Vierfach-Therapie (Isoniazid, Rifampicin, Pyrazinamid und Ethambutol)
über zwei Monate. Danach wird mit Isoniazid/Rifampicin vier Monate weiter
behandelt, wenn keine Resistenzen bestehen. Verdacht auf eine bereits bestehende
Multi-Drug-Resistenz (MDR) ergibt sich aus folgenden Faktoren: bereits früher
durchgeführte Therapie, Kontakt mit einem MDR-Patienten, Ursprungsland
des Patienten, Alter (Kinder häufiger resistent als Erwachsene!), HIV-Infektion,
Drogenmissbrauch und Obdachlosigkeit. Bei Resistenz sähe Dr. Davies einige
Medikamente der zweiten Wahl am liebsten im Museum. Unter neueren Substanzen
machte er persönlich die besten Erfahrungen mit Moxifloxacin, wenn auch
noch keine kontrollierten Studien hierzu vorliegen.
Die beste Methode
gegen eine Resistenz ist es jedoch, die Medikamente regelmässig einzunehmen.
Mit geringer Compliance ist zu rechnen bei Armen, fehlender sozialer Unterstützung,
Substanzmissbrauch, psychischen Krankheiten. Hier wird die Einnahme verbessert,
wenn sie durch eine neutrale Person (nicht Familienangehöriger!) überwacht
wird. In der Schweiz sei hierbei eine gute Zusammenarbeit mit Apothekern geschaffen
worden, berichtete Dr. Jean-Pierre Zellweger, Lausanne. UNo
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Rauchfreie
Cafés: Ein Plus für Gäste und Besitzer
BASEL
– "Das Geschäft läuft nur, wenn geraucht werden darf",
lautet eine weit verbreitete Faustregel in der Gastronomiebranche.
Und aus Furcht vor finanziellen Einbussen lehnen viele Restaurantbesitzer
reine Nichtraucher-Einrichtungen kategorisch ab – völlig zu
Unrecht, wie eine Studie aus Basel jetzt zeigt.
"Fumare"
und "Non-Fumare", so heissen zwei Cafés direkt
nebeneinander in der Fussgängerzone der Basler Altstadt, die
sich nur in einem einzigen Punkt unterscheiden: In dem einen darf
geraucht werden, in dem anderen nicht. Wie beeinflusst das die Entscheidung
der Cafébesucher für den einen oder den anderen Eingang?
Welche ökonomischen Konsequenzen ergeben sich daraus? Diese
Fragen untersuchte ein Forscherteam um Professor Dr. Nino Künzli,
der bis vor kurzem am Institut für Sozial- und Präventivmedizin
in Basel tätig war und jetzt an der University of Southern
California, Los Angeles, arbeitet.
In
ihrer Studie befragten die Wissenschaftler 177 Gäste der beiden
Cafés, verglichen die Besucherzahlen und analysierten die
Luftqualität. Wie die Epidemiologen am Kongress der European
Respiratory Society berichteten, fühlen sich fast 90% der
Besucher des rauchfreien Cafés im Allgemeinen von Zigarettenrauch
gestört, und 62% vermeiden oder verlassen andere Einrichtungen
aus diesem Grund.
Dass
die Luftqualität im Nichtraucher-Café deutlich besser
war als nebenan, überrascht nicht, erstaunlich ist aber, dass
auch die wirtschaftliche Bilanz zu Gunsten der nikotinfreien Einrichtung
ausfiel: Das rauchfreie Café hatte tagsüber mehr Gäste
und machte mehr Umsatz mit Kaffee, Tee und Mineralwasser. Und ein
weiteres unerwartetes Plus: Die Besucher der rauchfreien Seite gaben
22% mehr Trinkgeld als ihre Nachbarn von der Raucher-Fraktion! KH
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Allergie-Prävention:
Kinder
in den Stall!
WIEN
– Je eher Eltern mit ihren Kindern einen Ausflug auf den Bauernhof unternehmen,
desto besser für das spätere Allergie-Risiko. Verbietet elterlicher
Stress dies bis zum ersten Schultag, kann die Familie den Trip in den
Stall aber immer noch nachholen und senkt selbst dann noch das Atopierisiko
für ihr Kind. Dr. Katja Radon erläuterte Näheres am Kongress
der European Respiratory Society.
Ihre
Arbeitsgruppe vom Institut für Arbeits- und Umweltmedizin der Universität
München versandte über 4500 Fragebogen in eine Kleinstadt auf
dem Lande, von denen 3112 (69%) zurück kamen. Alle Erwachsenen dieser
Gemeinde zwischen 18 und 44 Jahren sollten Auskunft geben über Atemwegssymptome,
wie oft sie Tiere im Stall besucht hatten, wann die ersten Kontakte mit
Kuh und Schwein stattgefunden hatten. Wer bereits im ersten Lebensjahr
in einen Stall geschleppt wurde, hatte ein um 60% geringeres Risiko für
Heuschnupfen als Menschen, die Tierbehausungen immer mieden. Wer erst
mit sechs Jahren Gelegenheit hatte, persönlich einem Rind im Stall
ins Auge zu blicken, hatte immer noch ein um 30% verringertes Risiko.
All dies nach Korrektur der Daten für mögliche andere Dispositionsfaktoren.
Bislang
sind die genauen Zusammenhänge für diese Beobachtung noch nicht
geklärt, und das retrospektive Design erlaubt nur ungefähre
Aussagen über die Dauer der Exposition. Als Grundlage für weitere
Untersuchungen ist der Befund jedoch interessant. UNo
Sind
Frauen gleicher als Männer?
WIEN –
Mann in mittlerem Alter, Raucher, adipös. Noch bis vor kurzem reichten
wenige Worte aus, um typische COPD-Patienten zu skizzieren. Mit der heutigen
Realität hat dieses Klischee allerdings nicht mehr viel zu tun, betonte
Professor Dr. Sonia Buist, Portland, an einer Pressekonferenz des
ERS-Kongresses.
Denn mit
dem Einstieg der Frauen in die Berufstätigkeit begannen sie in den
Fünfzigerjahren auch ihre kontinuierliche Aufholjagd in Sachen Nikotinkonsum.
Inzwischen rauchen weltweit genauso viele Frauen wie Männer, in manchen
Ländern haben sie sie bereits überholt. Dazu kommt gerade in
Entwicklungsländern eine grössere Lungenbelastung der Frauen
durch Innenraumschadstoffe, wie sie beispielsweise beim Kochen und Heizen
mit offenen Kohlefeuern entstehen.
Die logische
Folge dieser Entwicklung: Neben der Lungenkrebsrate ist auch die COPD-Prävalenz
bei Frauen rapide angestiegen, und die chronische Lungenobstruktion ist
heute bereits bei beiden Geschlechtern gleich häufig. Diese Tatsache
wird in der ärztlichen Praxis allerdings noch sträflich vernachlässigt,
kritisierte Prof. Buist.
Trotz klinischer
Zeichen einer Atemwegserkrankung erhalten Frauen seltener eine Lungenfunktionsmessung
als Männer, und ihre Chance, als COPD-Patientinnen korrekt diagnostiziert
und therapiert zu werden, ist geringer. Daher forderte die Referentin
gemeinsam mit anderen Experten dazu auf, diesen Missstand zu beheben und
die COPD auch bei weiblichen Patienten an vorderer Stelle in der Differentialdiagnose
zu berücksichtigen. KH
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