|
Patient
mit nichtkardialem Thoraxschmerz
Vertreiben Sie die Herzangst!
WIESBADEN
-
"Ich spinne doch nicht!" wehrt der Patient mit funktionellen
Herzbeschwerden seine Diagnose oft ab. Um ihn zu überzeugen und
zu führen, bedarf es Fingerspitzengefühls. Einen "Psychoexperten"
brauchen Sie jedoch nicht gleich zu bemühen. Und auch Pharmaka können
Sie erfolgreich einsetzen, wenn Sie gewisse Klippen umschiffen...
Funktionelle
Herzbeschwerden begegnen Ihnen häufig: Etwa 2 bis 5 % der Gesamtbevölkerung
und 10 bis 15 % der Patienten in der Allgemeinpraxis sind betroffen,
berichtete Dr. Kurt Laederach-Hofmann vom Inselspital Bern beim
108. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. Um
letzte Zweifel an einer koronaren Ursache der Brustenge auszuschliessen,
wird nicht selten eine Angiographie vorgenommen, und schon im Vorfeld
dieser Diagnostik ist ärztliches Feingefühl gefragt.
Der
Patient muss auf die Möglichkeit eines "negativen" Koronarbefundes
vorbereitet werden, betonte Privatdozent Dr. Christoph Hermann-Lingen
vom Zentrum für Psychosoziale Medizin der Universität Göttingen.
Zeigt die Angiographie tatsächlich unauffällige Kranzgefässe, sollte
man dies dem vermeintlich Herzgeplagten als positive psychosomatische
Diagnose vermitteln: "Ausschluss KHK ist keine Diagnose!", so der
Kollege. Man kann Patienten z.B. erklären, dass seine Beschwerden
körperliche Reaktionen auf Stress und psychische Belastung darstellen.
Ausführliche Information vor Entlassung aus der Klinik und feste
Kontrolltermine in der kardiologischen Abteilung stellen bereits
die Weichen für eine erfolgreiche Therapie.
Was
die Betreuung durch niedergelassene Kollegen betrifft, so muss jetzt
mitnichten gleich ein Fachpsychotherapeut ans Werk: "Die psychosomatische
Grundversorgung können Sie selbst leisten", ist Dr. Herrmann-Lingen
überzeugt. Auch Sie vereinbaren mit dem Patienten am besten feste
Termine, d.h. er soll nicht nur kommen, wenn ihm ein Stein auf der
Brust liegt oder das Herz rast.
Versuchen
Sie mit dem Patienten gemeinsam, die Symptome im Lebenskontext zu
verstehen, und helfen Sie ihm bei der "Verwörterung" der im Symptom
ausgedrückten Affekte. Womöglich ist ein dem Patienten nahe stehender
Mensch gestorben, mit dem er Dinge ins Reine zu bringen hatte, und
ihm "tut das Herz weh", weil dies nun nicht mehr geht. Oder es sind
ewige Auseinandersetzungen mit Arbeitskollegen, die ihm "die Brust
zuschnüren". Auf diese Weise lernt der Patient die Affekte zu erkennen
und so zu verarbeiten, dass keine körperlichen Symptome entstehen.
Er entwickelt ein Verständnis für die Psychogenese seiner Erkrankung
- ohne sich als Spinner zu fühlen.
Ihren
Schützling zu körperlicher Aktivität zu ermutigen, ist auf keinen
Fall verkehrt. Vereinzelte Studien haben gezeigt, dass gesteigerte
Fitness in diesem Krankengut nicht nur die Herzfrequenz, sondern
auch Angstgefühle reduziert.
Wie
steht es nun mit medikamentösen Optionen? Betablocker können helfen,
den Circulus vitiosus der Herzangst zu durchbrechen. Keinesfalls
darf man aber den Fehler begehen, dem Patienten das Rezept kommentarlos
auszuhändigen. Erklären Sie, mit welcher Zielsetzung Sie gerade
dieses Medikament verschreiben, nämlich das Herz vor Stressreaktionen
abzuschirmen. Sonst liest der Patient später im Beipackzettel die
vielfältigen kardialen Indikationen und gelangt zu der Überzeugung,
dass Sie ihn insgeheim doch für herzkrank halten. Was Ihre Glaubwürdigkeit
und den Erfolg Ihrer Therapie aufs Spiel setzt.
Im
akuten Herzangstanfall helfen Benzodiazepine. Sie sollten aber nur
Patienten verschrieben werden, bei denen keine Suchtgefahr besteht.
Oft genügt es, so die Erfahrung von Dr. Herrmann-Lingen, wenn der
Patient eine kleine Packung für den Notfall parat hat. Die beliebte
Praxis, Herzangstpatienten mit Depot-Neuroleptika zu behandeln,
bezeichnet der Referent als obsolet. Sie setzen dem Patienten dem
Risiko extrapyramidaler Nebenwirkung aus, warnte er die Kollegen.
Eher sollte man noch zu Antidepressiva greifen: Imipramin z.B. konnte
in einer klinischen Untersuchung nichtkardiale Thoraxschmerzen reduzieren.
Ärzten,
die Patienten mit funktionellen Herzbeschwerden "lösungsorientiert"
begleiten, empfiehlt der Experte im übrigen eine Balintgruppe. Denn
diese Patienten sind oft schwierig, so dass Sie Ihrerseits Unterstützung
brauchen können. Bei chronifizierten Verläufen, wenn psychische
Begleiterkrankungen bestehen oder falls Ihr Patient trotz aller
Bemühungen wiederholt in der Notaufnahme landet, sollten Sie auch
nicht zögern, doch den Fachpsychotherapeuten zu Rate zu ziehen.
Print-Vorabmeldung,
CG
Patienten
fiebern ihm entgegen:
Insulin-Spray
statt Spritze!
WIESBADEN
- Spray oder Spritze - für Zuckerkranke ist das keine Frage:
Mehr als 90 % der Diabetiker, die im Rahmen von Studien das inhalative
Insulin probieren durften, wollten vom Spray nicht mehr lassen.
Ist die inhalative Insulintherapie reif für die Praxis?
Spätestens
seit UKPDS heisst es "früher therapieren, früher kombinieren, und
früher mit Insulin behandeln", betonte Professor Dr. Werner A. Scherbaum
vom Deutschen Diabetes-Forschungsinstitut der Heinrich-Heine-Universität
Düsseldorf auf des 108. Kongress der Deutschen Gesellschaft für
Innere Medizin. Dort, wo die Spritzenangst den Einstieg in die nötige
Insulintherapie erschwert, bietet die inhalative Applikation einen
Ausweg, sagte der Experte auf einem Mittagsgespräch der Firmen Aventis
und Pfizer.
In
Studien an Typ-1- und Typ-2-Diabetikern war inhaliertes Insulin
plus Basalinsulin so effektiv wie mehrfach verabreichtes Mischinsulin,
die Ansprechrate beträgt 100 %, und auch die Wirkung ist gut reproduzierbar,
betonte der Experte. In einer Untersuchung an 66 Typ-2-Diabetikern
konnte das Aerosol seine Effekte bei Therapieversagern auf orale
Antidiabetika (OAD) hochsignifikant beweisen: Nach drei Monaten
senkte zusätzlich verabreichtes inhalatives Insulin den HBA1c von
9,8 auf 7,5 mg %, unter alleiniger OAD-Therapie blieb er unverändert.
Inhalatives
Insulin wirkt so rasch wie ein Analogon und etwa so lange wie ein
Normalinsulin, berichtete Professor Dr. Burkhard Göke vom Klinikum
Grosshadern der Universität München. Damit liegt sein Potenzial in
der prandial-bezogenen Therapie, es ist der ideale Partner für eine
frühe Kombi und die intensivierte Therapie. Die Bioverfügbarkeit
des inhalierbaren Insulins liegt bei etwa 10 %, 1 mg entspricht
etwa 3 s.c.-Einheiten, erklärte Prof. Scherbaum. Die Lunge störte
der Insulinbeschuss nicht: Einsekundenkapazität, Diffusionskapazität
und Volumina blieben durch die Inhalationen der 3,5 mü grossen Insulinpartikel
unbeeinflusst. Selbst bei Patienten mit leichtem Asthma traten weder
Bronchospasmen noch Lungenfunktionsänderungen auf, Raucher dürfen
sogar mit einem beschleunigten Wirkungseintritt rechnen. Und eine
Erkältung? Ein künstlicher Rhinovireninfekt hatte keinerlei Effekte
auf die Wirksamkeit der inhalativen Zuckersenkung, so Prof. Scherbaum.
Nur
sprayen und nicht mehr an den Diabetes denken - diesen überzogenen
Patientenerwartungen muss man Prof. Scherbaum zufolge jedoch entgegentreten:
Auch die inhalative Insulintherapie steht nicht für sich allein
und ist nur im Kontext mit begleitenden antidiabetischen Massnahmen
zu sehen.
Print-Vorabmeldung,
Kem
Aspirationsgefahr
senken
Einfacher
Test entlarvt Dysphagie
WIESBADEN
- Schluckstörungen bedeuten gerade für geriatrische Patienten
ein immenses Risiko für eine Aspirationspneumonie. Ein einfacher
Test kann helfen, die Dysphagie frühzeitig aufzudecken.
Klinische
Zeichen einer Dysphagie sind gurgelnde, feuchte Stimme (z.B. beim
Probeschluck), schwacher willkürlicher Husten und ausbleibende oder
verzögerte Larynxelevation beim Schlucken. Zur gängigen Diagnostik
gehören die orofaziale Untersuchung und einfache Schlucktests. Dabei
trinkt der Kranke z.B. ein festgelegtes Flüssigkeitsvolumen (10
ml in 5 ml-Portionen), und der Beobachter achtet auf Schluckgeschwindigkeit,
Husten, Würgen und Veränderung der Stimme. Mancherorts wird empfohlen,
diesen Test mit dem Pulsoximeter zu kontrollieren: Fällt die Sauerstoffsättigung
um mehr als 2 %, besteht ein hohes Aspirationsrisiko.
Auf
dem 108. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin
wurde nun ein neuer, sehr einfach durchführbarer, prädiktiver Dysphagie-Test
vorgestellt, die Stereognosie. Dabei legt man den Kranken mit fraglicher
Schluckstörung in willkürlicher Reihenfolge zehn unterschiedliche
Testkörper (Kugel, Würfel, Pyramide, Zylinder...) auf den vorderen
Zungenabschnitt. Damit diese nicht aspiriert werden, sind sie durch
ein Band aus Zahnseide abgesichert. Der Patient soll dann anhand
seines "Zungen-Tastbefundes" auf einem Foto, auf dem alle Testkörper
vergrössert abgebildet sind, den richtigen herausdeuten. Werden fünf
der zehn Gegenstände richtig zugeordnet, gilt der Test als bestanden.
Sind es weniger, besteht Aspirationsgefahr. Professor Dr. Dr. Gerald
Kolb vom St. Bonifatius-Hospital Lingen und Matthias Bröker, Zahnarzt
in Lingen testeten den sog. R.F.-Tests (recognition of forms) bei
50 Patienten mit frischem Insult (mittleres Alter 78,4 Jahre) und
fanden einen hochsignifikanten Zusammenhang zwischen Aspirationsgefahr
und nicht möglicher Identifizierung der Testkörper. Von insgesamt
sieben Patienten des Studienkollektivs, die eine Aspirationspneumonie
entwickelten, hatten fünf die Testkörper zuvor nicht ausreichend
erkannt. Die Referenten sehen im R.F.-Test deshalb ein einfaches
und sicheres Screeningverfahren, um Patienten mit Aspirationsrisiko
zu identifizieren.
Häufigste
Ursache von Schluckstörungen ist ein Schlaganfall, erklärte Dr.
Hansjörg Werner vom Evangelischen Krankenhaus Elisabethenstift Darmstadt.
Zwar geht die Dysphagie meist in den ersten drei Wochen wieder zurück,
in elf bis 50 % persistiert sie jedoch sechs Monate und länger.
Bei etwa jedem zweiten Patienten mit Dysphagie nach Insult kommt
es zur Aspiration. Ist es nicht mehr möglich, diese Patienten oral
zu ernähern, sollte man lieber gleich eine PEG anlegen, statt zur
Nasensonde zu greifen. Denn letztere wird meist sehr schlecht toleriert,
betonte Dr. Werner. Bei Insultpatienten mit Hochdruck empfiehlt
er ACE-Hemmer in der antihypertensiven Therapie, da diese eine Dysphagie
günstig beeinflussen.
Auch
Parkinsonkranke berichten in 50 bis 70 % über Schluckstörungen,
ergänzte Dr. Thomas Stamm von den Westküstenkliniken Heide. "Bei
Schluckstörungen, besonders beim klassischen Parkinson, lohnt sich
immer ein Therapieversuch mit Dopamin", so Dr. Stamm. Zusätzlich
sind zudem Amantadin-Infusionen zu erwägen. Dadurch verbessern sich
Wachheit plus Antrieb und die Rate von Aspirationspneumonien sinkt.
Print-Vorabmeldung,
kss
Erstickungsanfall
beim Kind
Heimlich-Handgriff
ist out
WIESBADEN
- Der berühmte Heimlich-Handgriff, mit dem man Fremdkörper aus
der Trachea befördern will, hat kaum noch eine Indikation. Meist
erfüllen Thoraxkompressionen denselben Zweck, ohne dass man gefährliche
Rupturen der inneren Organe riskiert.
Angenommen,
in Ihrem Wartezimmer hat sich ein Kleinkind an einem Spielzeugteil
verschluckt und beginnt jetzt, blau anzulaufen. Worin bestehen Ihre
Erstmassnahmen? Droht das Kind wirklich zu ersticken, drehen Sie
es auf den Bauch, halten es in Kopftieflage und geben ihm kräftige
Schläge mit der flachen Hand oder dem Handballen zwischen die Schulterblätter.
Damit versucht man, den Hustenantrieb zu verstärken und eine Lockerung
des Fremdkörpers zu erzielen, erklärte Dr. Andreas Thierbach, Klinik
für Anästhesiologie und Notfallmedizin, Universität Mainz, auf dem
108. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin.
Wird
dabei der Fremdkörper nicht ausgehustet, folgen Thoraxkompressionen
im Sinne einer ganz normalen Herzdruckmassage am liegenden Patienten.
Denn diese Massnahme ist auch für den Laien einfacher durchführbar,
weniger invasiv und hat den gleichen Effekt wie der Heimlich-Handgriff.
Dieser wird nur noch dann empfohlen, wenn der Patient zum einen
noch ansprechbar ist und zum anderen der obere Luftweg komplett
verschlossen ist. Denn der massive manuelle Druck mit der Faust
in das Epigastrium soll das Zwerchfell nach oben drücken und damit
einen Überdruck in der Lunge hervorrufen. Bei einer Fischgräte z.B.
funktioniert dieses Prinzip nicht, aber genau dabei wird der Heimlich-Handgriff
meist angewandt. Ausserdem kann der Ungeübte durch den starken Druck
Magen-, Leber- oder Milzrupturen provozieren. Da Thoraxkompressionen
denselben Zweck erfüllen, verzichten die Mainzer Kollegen ganz auf
den Heimlich-Handgriff, so der Referent.
Print-Vorabmeldung,
VS
zur
Themenübersicht
|