Medical Tribune AG



Donnerstag, 17.05.2012     Medical Tribune Group





 

Berichte von der diesjährigen Digestive Disease Week in Orlando (2003)   Logo DDW 2003

21.5.2003

Die gastroenterologische Crème aus fünf Kontinenten trifft sich dieses Jahr in Orlando zur Digestive Disease Week, um die aktuellsten Ergebnisse ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu präsentieren. Was die 15 000 Teilnehmer vor Ort erfahren, packen unsere Reporterinnen in ihren Overnight Reports für Sie aus.

Blitzübersicht: Das gibt’s Neues in der Gastro-Entero-Hepatologie

ORLANDO – Professor Dr. Michael Camilleri, Mayo Medical School in Rochester, liess anlässlich der Digestive Disease Week die wichtigsten neuen Ergebnisse der klinischen Forschung Revue passieren. Darunter gibt es Erkenntnisse, die auch für den normalen Arzt in der Praxis interessant sein können.

Acetylsalicylsäure ist es nach wie vor wert, genauer studiert zu werden: In zwei Studien (Baron, 2003 und Sandler, 2003) gelang es durch Anwendung von Aspirin, innerhalb überschaubarer Zeit die Adenomentstehung signifikant zu verringern – sowohl bei Patienten, bei denen sich bereits ein Karzinom gebildet hatte, als auch bei Probanden, die "nur" durch ein Adenom aufgefallen waren. In der einen Studie wurde Plazebo mit zwei Aspirin-Dosierungen verglichen (81 mg /Tag und 325 mg/Tag). Die niedrigere Dosis war erfolgreicher, aber auch die höhere Dosierung besser als Plazebo, so dass die Studie vorzeitig abgebrochen wurde.

Die andere Studie zur Sekundärprävention bei bereits eingetretenem Kolonkarzinom verglich Plazebo und 325 mg Aspirin/Tag – auch hier war das Wiederauftreten von Adenomen verzögert. Eindrucksvoll ist die Number needed to treat (Anzahl der Behandelten pro einem verhinderten neuen Adenom jeglicher Grösse). Sie lautet 10 für das Wiederauftreten eines Adenoms bei einem Polypektomierten, und nur 19 Patienten müssen Aspirin einnehmen, um einen Fall von fortgeschrittener Neoplasie zu verhindern.   Nails
Zeitvertreib an der DDW 2003

Die Number needed to harm beträgt dagegen 100 für eine Blutung im Gastrointestinaltrakt, sie liegt bei 300 bis 800 für eine ernste GI-Blutung und bei 800 für einen hämorrhagischen Schlaganfall (alle Dosierungen, Imperiale 2003). "Die Gabe von Aspirin ist also sinnvoll, um Kolonkarzinome zu verhindern", resümierte Prof. Camilleri.

Entzündliche Darmerkrankungen

Bei den entzündlichen Darmkrankheiten gibt es neues Wissen über Infliximab. Heute wird es nicht mehr vorrangig zur Induktion einer Remission eingesetzt, sondern auch als Medikament für die Remissionserhaltung. Dabei schälte sich inzwischen aber ein Problem heraus. Über die Zeit bilden sich Antikörper gegen den Antikörper, so dass das teure Medikament allmählich unwirksam wird. Deshalb ist es nicht nur klinisch effektiver, sondern auch kostengünstig, die Behandlung mit Infliximab durch eine Immunsuppression (Baert 2003) oder eine Kortikoidgabe (Farell 2003) zu flankieren.

Ein weiterer Antikörper gesellte sich der Crohn-Therapie hinzu: Natalizumab, der Antikörper gegen ein Integrin. Hier waren die Forscher nun vorgewarnt und erkannten bereits frühzeitig, dass sich ebenfalls das Problem der Antikörperbildung stellt. Ansonsten erwies sich das Medikament als geeignet, um Remissionen herbeizuführen, die entzündliche Aktivität zu dämpfen und die Lebensqualität zu steigern (Ghosh 2003).

Das Behandlungsrepertoire der chronischen Hepatitis B wurde durch das orale Virostatikum Adefovir Dipivoxil erweitert, das zu signifikanten histologischen, virologischen und biochemischen Verbesserungen führt und sich bislang über 48 Wochen bewährt hat (Hadziyannis 2003).

Noch einen Antikörper bastelten die Molekularbiologen, um Stromazelltumoren des Kolons zu Leibe zu rücken. Das scheint zu funktionieren, belegte Demetri (2002) bei Patienten mit fortgeschrittenen und nicht mehr resezierbaren Stromazelltumoren. Imatinib ist der Name des Proteins, der sich bisher bereits bei chronischer myeloischer Leukämie bewährt hat. UNo


Hausmittel mit wissenschaftlichen Weihen

Nützliches Arsenal bei gastroenterologischen Alltagsbeschwerden

ORLANDO – Als Hardcore-Antialternativmediziner führte sich Dr. Ronald L. Koretz, Olive View Medical Center, Kalifornien, an der Digestive Disease Week ein. In seinem Arztleben habe er noch nie Alternativmedizin angewandt, war aber gebeten worden, die Evidenz für Alternativverfahren zusammenzutragen. Eine umfassende Aufgabe, denn Studien gibt es inzwischen reichlich. Ihre Ergebnisse münden in konkrete Behandlungsempfehlungen.

Zunächst die Phytotherapie: Übelkeit und Erbrechen lassen sich durch Ingwerwurzel mildern. Drei randomisierte kontrollierte Studien (RCT, randomized controlled trials) belegen dies für Schwangerschaftserbrechen, vier für Reiseübelkeit.   DDW 2003
Der Eingang zur DDW 2003

Neun Studien (RCT) belegen eine signifikante Wirkung von Pfefferminzöl bei funktionellen Störungen des Gastrointestinaltrakts. Auch gegen Hepatitis B ist ein Kraut gewachsen, des Namens Phyllanthus. 22 RCT und eine systematische Übersicht zeigten eine bessere Clearance von Hepatitis-B-Virus als Plazebo sowie eine bessere Redukton der Transaminasen und des Bilirubins – eine Konkurrenz zu Interferon.

Die Akupunktur konnte zwar für die Indikationen Tinnitus, Fettsucht, Drogenmissbrauch und chronische muskuloskeletale Schmerzen noch keine Evidenz zusammentragen, die Dr. Koretz überzeugte. Aber in 17 von 23 RCT liess sich durch die traditionelle chinesische Nadeltechnik postoperative Übelkeit signifikant beeinflussen. Eine echte Doppelblinduntersuchung lässt sich bei dieser Methode aber praktisch nicht realisieren.

Zur Homöopathie liegt eine Metaanalyse vor, die für die homöopathisch Behandelten bessere Effekte als unter Plazebo belegte, beispielsweise für den postoperativen Ileus. Im Bereich Gastroenterologie hob Dr. Koretz vor allem eine solide doppelblinde Studie hervor (Jacobs 2003), die eine signifikante Wirkung der Kügelchen bei akuter Diarrhö belegte. Er untersuchte die Methode an Kindern in Entwicklungsländern. Durch Homöopathika konnte die Dauer der Diarrhö von 4,1 auf 3,3 Tage verkürzt werden.

Als evidenzbasiert können damit folgende Optionen gelten (vorausgesetzt, dass die Methode beherrscht wird):

  • Pfefferminzöl bei funktionellen Störungen im Magen-Darm-Trakt.
  • Ingwerwurzel bei Übelkeit und Erbrechen.
  • Postoperative Übelkeit: Akupunktur.
Akute Diarrhö bei Kindern: Homöopathie. UNo

Lebensstiländerung bringt's doch

Kaugummi kauen mindert Reflux

ORLANDO - Das Kauen von Kaugummi kann nicht nur einen frischen Atem oder der Zahnbürste Konkurrenz machen - nein, es ist sogar in der Lage, die Speiseröhre vor essensbedingter Säureexposition zu schützen.

Jüngste an der Digestive Disease Week präsentierte Daten konnten zeigen, dass nach einer Mahlzeit das 30minütige Kauen eines Kaugummis die Säure in der Speiseröhre signifikant reduzieren kann.

Da Speichel eine protektive Rolle beim gastroösophagealen Reflux spielt, liegt es nahe zu vermuten, dass Kaugummi in diesem Zusammenhang nützlich sein könnte. Immerhin regt es die Speichelproduktion an und bringt die Peristaltik in Gang. Aber lässt sich diese These halten? Diese Frage stellten sich Dr. Rebecca Moazzez, Department of Conservative Dentistry, Guy's Hospital, London.

21 Freiwillige mit gastroösophagealen Refluxbeschwerden waren bereit, für die Wissenschaft zu kauen. An zwei aufeinander folgenden Tagen erhielten die Probanden nach vierstündigem Fasten eine gleiche Mahlzeit mit 60 % Fettanteil. Nur nach einer der Mahlzeiten kam das Kaugummi zum Einsatz. Anhand von pH-Metrie-Daten konnte gezeigt werden, dass dadurch die Zeit, in der der pH unter 4 lag, signifikant reduziert werden konnte. Mü

zur Inhaltsübersicht DDW 2003





 
[ Home ] [ Sitemap ]
 
hosted by bit-heads GmbH