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XIV.
Welt-Aids-Kongress (Barcelona
2002)
Alle
Berichte von
Dr.
Anka Stegmeier-Petroianu
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Progression
zu AIDS
CD4-Zellen
als wichtigster Prognosefaktor
BARCELONA
– Die anti-retrovirale Therapie hat nicht die erhoffte Eradikation des
HI-Virus gebracht. Dennoch ist die HIV-Infektion eine behandelbare chronische
Krankheit geworden. Welche Risikofaktoren am besten mit der Progression
der Krankheit korrelieren, haben Wissenschaftler der Antiretroviral
Therapy Cohort Collaboration untersucht. Professor Dr. Geneviève
Chène, Universität Bordeaux, präsentierte am XIV.
Welt-Aidskongress ihre zeitgleich im Lancet veröfffentlichten
Ergebnisse.
Verwendet
wurden Daten von 13 prospektiven Studien mit insgesamt 12574 therapie-naiven
Patienten aus Europa und den USA. Anhand dieser Daten entwickelten Prof.
Chène und Kollegen ein prognostisches Modell für das Ansprechen
auf die Therapie. Die
Studienpopulation bestand zu 79% aus Männern. Der mediane CD-4 Wert
lag bei 250 Zellen/µl.
Nach 6 Monaten
Therapie mit meist zwei Nukleosidanaloga (NRTI) und einem Protease-Inhibitor
(PI) stieg der CD4-Wert auf 343 Zellen/µl an. Bei 70% der Patienten war
zu diesem Zeitpunkt die Viruslast unter die Nachweisgrenze gesunken.
Das Ergebnis
der Analyse: Die Prognose unter Therapie hängt stark vom CD4–Wert
beim Beginn der Therapie ab. Patienten, mit weniger als 50 CD4- Zellen/µl
haben ein 50% Risiko innerhalb von 3 Jahren Aids zu entwickeln. Obgleich
der CD4-Wert den höchsten prognostischen Aussagewert besitzt, spielen
auch Alter, Infektionsmodus und CDC Stadium eine Rolle. Die Viruslast
bei Beginn der Therapie ist nur dann prognostisch von Bedeutung, wenn
sie über 100 000 Kopien/ml liegt.
Die beste
Prognose haben Patienten unter 50 Jahren, die nicht über iv.-Drogenkonsum
infiziert wurden und über 350 CD4- Zellen/µl aufweisen. Ihr Risiko
für die Progression zu Aids in 3 Jahren beträgt 3.4%. Allerdings
weicht dieses Risiko nur gering von dem der Patienten ab, die mindestens
200 CD4- Zellen/µl besitzen. Ihr Risiko liegt bei 4.5%. Der kleine zusätzliche
Nutzen einer frühen Behandlung sollte gegen Nebenwirkungen der Therapie
und Gefahren einer Resistenzentwicklung kritisch abgewogen werden, schliessen
die Autoren.
HIV-Therapie
Tendenz
zu "Watchful waiting"
BARCELONA
– Die derzeitigen Empfehlungen für den Zeitpunkt des HIV-Therapiebeginns
richten sich vor allem nach dem CD4-Wert des Patienten. Weitere Faktoren
wie Viruslast spielen ebenfalls eine Rolle. Der ideale Zeitpunkt, um mit
HAART zu beginnen, ist nach wie vor unklar, so Dr. John Brooks vom Center
of Disease Control, USA an der XIV. Internationalen Aidskonferenz.
Entgegen früherer Empfehlungen scheint sich ein Paradigmenwechsel
abzuzeichnen, eher länger zuzuwarten und erst bei CD4-Werten um 200
Zellen/µl eine Therapie einzuleiten.
Dr. Brooks
präsentierte Daten, die zeigen, dass eine frühe Behandlung bei
CD4-Werten oberhalb von 350 keinen prognostischen Vorteil gegenüber
einer Behandlung bei Werten von 200-350 bietet. Mittels einer retrospektiven
Analyse einer medizinischen Datenbank, konnten 583 Therapie-naive Patienten,
die seit 1996 mit HAART ( highly active anti-retroviral
therapy) behandelt wurden, je nach initialen CD4-Werten in verschiedene
Risikogruppen für die Krankheitsprogression zu virologischem Versagen
eingeteilt werden.
Das virologische
Versagen wurde definiert als eine Zunahme der Viruslast.18 % der Patienten
mit niedrigsten CD4-Werten von 0-49 Zellen/µl wiesen ein virologisches
Versagen auf. Im Schnitt trat dieses 10 Mal schneller auf als in der Gruppe
mit mehr als 350 Zellen/µl.Wenig höher, bei 16% lag der Prozentsatz
der Patienten mit CD4-Werten zwischen 50-199 Zellen/µl. (Progression 7,6
Mal schneller). Interessanterweise gab es zwischen den Gruppen
200-349 Zellen/µl und mehr als 350 Zellen/µl keinen Unterschied in der
Zeit bis zum virologischen Versagen.Ein Therapiebeginn bei Werten unter
200 Zellen/µl lässt den Therapieerfolg weniger lang anhalten, schloss
Dr. Brooks.
Standardtherapie
im Wandel
Once
daily is enough
BARCELONA
– Die konventionelle Standardtherapie ist um neue potente Behandlungsmöglichkeiten
erweitert worden. Neben der klassischen Dreifachtherapie, bestehend aus
zwei Nukleosid-Analoga (NRTI) in Kombination mit einem Protease-Inhibitor
(PI), gibt es jetzt Dreifach-NRTI-Optionen oder Kombinationen mit nicht-nukleosidalen
Reverse-Transkriptase-Inhibitoren (NNRTI). Eine weitere Herausforderung
liegt in dem Ziel, die Einnahmehäufigkeit zu reduzieren und damit
die Adhärenz zu verbessern.
Mit der bevorstehenden
Zulassung von Atazanavir, einem neuen Proteaseinhibitor, stehen erstmals
in jeder Substanzklasse Produkte zur Verfügung, die zu einem einmal
täglichen Regime kombiniert werden können. Atazanavir ist der
einzige Proteaseinhibitor, der einmal täglich (2 Kapseln) eingenommen
wird.
"Wir
können uns jetzt den Luxus erlauben, an einer Vereinfachung der Therapie
zu arbeiten, denn wir wissen dass HAART wirksam ist", so PD. Dr.
Jürgen Rockstroh, Universität Bonn, bei einer von der Firma
Bristol-Myers Squibb veranstalteten Pressekonferenz. Von Dr. Rockstroh
vorgelegte Daten zeigen, dass 80-90% der Therapie-naiven Patienten nach
zwei Jahren Behandlung eine Viruslast unter der Nachweisgrenze aufweisen
(unter 50 Kopien/ml).
Doch für
diese guten Ergebnisse ist in der HIV-Therapie eine Compliance notwendig,
die weit höher ist als bei anderen Erkrankungen. Um bei 80% der Patienten
die Viruslast unter die Nachweisgrenze senken zu können, ist eine
95% Adhärenz notwendig. Diese wird um so eher erreicht, je mehr man
die Medikamenteneinnahme vereinfacht. Die einmal tägliche-Therapie
verbessert die Lebensqualität der Patienten. Daher ist zu erwarten,
dass in nächster Zeit noch weitere Substanzen auf den "once
daily" Markt drängen.
Tabelle
zu Once-daily Therapieoptionen
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NRTI
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Stavudin
(D4T) Didanosin (DDI)
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NtRTI
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Tenofovir
(TDF)
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NNRTI
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Efavirenz
(EFV) Nevirapin (NVP)
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PI
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Atazanavir
(ATZ)
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Neuer
Proteaseinhibitor Atazanavir
Günstiges
Lipidprofil überzeugt
BARCELONA
- Die Erfolge in der HIV-Therapie werden durch langfristige Nebenwirkungen
getrübt. Proteasehemmer verursachen Dyslipidämien und Insulinresistenz.
Eine Ausnahme in seiner Substanzklas-se in Bezug auf Lipide scheint
ein neuer Proteasehemmer, Atazanavir, darzustellen. Daten dazu präsentierte
Dr. Robert Murphy, Northwestern University, Chicago, in einem Late-Breaker-Abstract
bei der XIV. Welt-Aids-Konferenz.
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Am Kongresszentrum
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In einer
Studie mit 346 Patienten wurde eine Therapie mit dem Proteasehemmer Nelfinavir
auf Atazanavir umgestellt. Nach 12 Wochen verbesserte sich das Lipidprofil
der Atazanavir-behandelten Patienten, mit einer Verringerung des LDL-Cholesterins
und der Triglyzeride und einer Erhöhung des HDL-Cholesterins. In einer
anderen Vergleichsstudie zwischen Atazanavir und Nelfinavir bei therapie-naiven
Patienten war nach 48 Wochen Therapie das LDL-Cholesterin unter Atazanavir
um 5% (von 101 mg/dl auf 107 mg/dl) gestiegen, unter Nelfinavir betrug
der Anstieg etwa 23% (von 97 mg/dl auf 120 mg/dl).
Unter Atazanavir
hatten drei Viertel der Patienten Gesamtcholesterinwerte unter dem Grenzwert
von 200 mg/dl, unter Nelfinavir blieb nur bei der Hälfte der Patienten
das Gesamtcholesterin im Normbereich. Die Referenzsubstanz Nelfinavir
gehörte unter den bisherigen Proteasehemmern zu denen, die die geringste
Störung des Lipidstoffwechsels verursachen. "Atazanavir ist derzeit der
einzige Proteasehemmer ohne ungünstige Auswirkungen auf den Lipidstoffwechsel,"
erklärte Dr. Murphy. Die HIV-Infektion selbst scheint über Entzündungsmechanismen
im Gefäss eine endotheliale Dysfunktion und eine beschleunigte Atherosklerose
herbeizuführen. Um so wichtiger ist es, diese nicht medikamentös zu verschlimmern.
Sechs
Jahre nach HAART
Kardiologen
zu Hilfe
BARCELONA
– Sind HIV-Patienten einem höheren kardiovaskulären Risiko ausgesetzt
als nicht-infizierte? Die langfristigen Komplikationen der HIV-Infektion
und –Therapie treten immer mehr in den Vordergrund. Diese sind hauptsächlich
metabolischer Art. Lipodystrophie, Dyslipidämien und Insulinresistenz
tragen zur beschleunigten Atherosklerose bei, wie Professor Dr. Thomas
Lüscher, Kardiologe, Universitätsklinik Zürich, an einem
von der Firma Bristol-Myers-Squibb organisierten Satellitensymposium an
der XIV. Welt-Aids-Konferenz erklärte.
Bei bis zu
zwei Dritteln der Patienten kommt es unter Therapie mit einem Proteaseinhibitor
zu einer Lipodystrophie, die durch Fettverschiebungen gekennzeichnet ist.
Die Lipodystrophie verändert die Fettverteilung ungünstig: Aus
dem subkutanen Gewebe an Armen und Beinen in die Körpermitte, also
in Richtung viszerales Fett, welches metabolisch aktiv ist. Hinzu kommen
Insulinresistenz, endotheliale Dysfunktion, Dyslipidämie und Störungen
der Koagulation, allesamt Teil des metabolischen Syndroms. Mit diesen
Veränderungen scheint auch ein erhöhtes kardiovaskuläres
Risiko verbunden zu sein. Die take-home-message an den Hausarzt: Der HIV-Patient
muss vor Beginn der anti-retroviralen Therapie auf Risikofaktoren untersucht
werden.
Dazu gehört
auch ein komplettes Lipidprofil. Nach Intervention bei Risikofaktoren
wie Rauchen oder mangelnder Bewegung, sollte bei erhöhten LDL-Cholesterinwerten
auch eine Therapie mit Statinen erwogen werden. Pravastatin wäre
das bevorzugte Statin, da es kaum über das Cytochrom P 450-System
abgebaut wird und so nicht mit Proteaseinhibitoren interagiert, ergänzte
Prof. Lüscher. Bei einem Hochrisikopatienten mit zu hohen Triglyzerid-Werten
könnte auch eine Kombination mit Fibraten gerechtfertigt sein.
Die
Zukunft: HIV-Vakzine mit Entry-Inhibitoren?
BARCELONA
– Entry-Inhibitoren sind eine neue Substanzklasse der anti-retroviralen
Therapie. Für Professor Dr. Robert Gallo, Universität Maryland,
Baltimore, die wichtigste neue Entwicklung auf dem Gebiet der HIV-Therapie.
Professor Gallo, Mitentdecker des HI-Virus und Koryphäe auf dem Gebiet
der Aids-Forschung, erklärte auf dem XIV. Welt-Aids-Kongress:
"Diese Substanzen bieten einen vielversprechenden Ansatz bei der
langwierigen Suche nach einer HIV-Impfung: Anders als zur Zeit erforschte
Impfungen, die gegen die Virushülle gerichtet sind, könnten
Entry-Inhibitoren trotz zahlreicher Mutationen des HI-Virus noch funktionieren.
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Ihr
Wirkmechanismus beruht darauf, dass sie den Eintritt des HI-Virus
in die CD4-Zellen verhindern. Klinische Phase-III-Ergebnisse in
der HIV-Therapie gibt es jetzt mit T-20 (Enfuvirtide), einem Fusions-Inhibitor.
Ebenfalls aus der Substanzklasse der Entry-Inhibitoren, verhindert
es spezifisch die Verschmelzung von Virus und Immunzelle. Die Substanz
bindet sich an das gp 41- Transmembranprotein an der Oberfläche
des HI-Virus und verhindert damit eine Konformationsänderung
im Komplex von gp 41 mit einem anderen Virusprotein, dem gp 120.
Diese Konformation spielt eine Schlüsselrolle für die
Fusion des Virus mit den CD4-Zellen. Professor Gallo war so von
diesem Wirkprinzip überzeugt, dass er folgerte: "In 2-3
Jahren werden Entry-Inhibitoren die Protease-Inhibitoren komplett
verdrängt haben".
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Professor
Gallo
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