Overnight Report von der 74. Jahresversammlung der Schweizerischen Gesellschaft
für Innere Medizin, Lausanne, Mai 2006
Lausanne, 13. Mai 2006
Syphilis wieder auf dem Vormarsch!
In der Schweiz Zuwachsrate von 176% innerhalb von drei Jahren!
"Chirurgen schnitten perianal Hämorrhoidalknoten"
heraus. Doch warum hatte der Patient gleichzeitig Fieber, Gelenkbeschwerden
und ein makulöses Exanthem? Dr. Stephan Lautenschläger mahnte, dass
den frisch ausgebildeten Ärzten die Vertrautheit mit dem früher so
häufigen Krankheitsbild fehlt. Verzögerung der Diagnostik und Fehldiagnosen
sind daher ausgesprochen häufig.
"Verlassen Sie sich nicht auf die Anamnese!", so der Referent. Nur
in der Politik werde noch mehr gelogen als bei der Sexualanamnese. Ob verheiratet
oder Single, wer gibt schon gerne zu, auf fremden Wiesen geweidet zu haben?
Die Lues verläuft in verschiedenen Stadien. Lues I zeichnet sich vorzugsweise
durch ein schmerzloses Ulkus am Ort der Inokulation aus. Häufig ist das
Ulkus von einem indurierten Ödem umgeben und befindet sich nicht nur an
den "klassischen" Orten wie Penis und Vagina, sondern beispielsweise
an der Lippe, parasternal oder gar an Fingern.
Die klinische Vielfalt des Erscheinungsbildes der Lues II hat es in sich. Nicht
umsonst wird diese Krankheit als Chamäleon bezeichnet. Das flüchtige
makulöse Exanthem wird häufig übersehen, zumal der Patient meist
symptomlos ist. Das Exanthem kann auch papulös, makulo-papulös, examthematös
oder granulomatös sein. Letzteres wird gerne mit dem disseminierten Granuloma
anulare verwechselt. Am Gaumen befinden sich häufig muköse Plaques.
Im Stadium I erlaubt ein Abstrich vom Ulkus die Diagnose, im Dunkelfeld sind
die Spirochäten ganz besonders schön zu sehen. Im Stadium II ist der
VDRL ( veneral disease laboratory research test) als Suchtest indiziert. Als
Bestätigungstest dient der TPHA (Treponema pallidum Häm-Agglutinationstest).
Therapie der Wahl ist die einmalige Gabe von Benzathin-Penicillin 2,4 Millionen
Einheiten. 50 mg Prednison per os zusätzlich verabreicht erspart die Symptomatik
der Herxheimer-Reaktion: Durch den massiven Zellzerfall kommt es sonst zu Fieber
und Unwohlsein. Als suboptimale Alternative steht Doxicyclin 200 mg täglich
per os über zwei Wochen zur Verfügung. Dr. Juliane Neuss Münzel
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