Overnight Report von der IPV-Konferenz, Prag, September 2006
PRAG, 13. September 2006
HPV-Impfung
Die Multi-Task Impfung
PRAG –Die Impfung gegen das Humane Papilloma Virus (HPV) bewirkt weit mehr, als ‚nur’ die Reduktion der Inzidenzraten des Zervix-Karzinoms. Einen positiven Einfluss erhofft man sich auch bei oropharyngealen Malignomen, Laryngealer Papillomatose und Peniskarzinomen. Diskutiert wird weiterhin, ob die HPV-Impfung das Sexualverhalten junger Leute beeinflusst.
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Diesmal trafen sich HPV-Experten aus aller Welt in historischer Umgebung in Prag.
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„HPV-Impfungen werden dieselbe Reduktion des Zervix-Karzinoms ermöglichen, wie es die Hepatitis B Impfung beim Leberzellkarzinom gezeigt hat“, eröffnet Prof. Dr. Vladimír Vonka vom Institut für Hämatologie an der Universität Prag die 23. Internationale Papillomavirus Konferenz. Doch obwohl das Zervix-Karzinom beziehungsweise die Reduktion seiner Inzidenz das Hauptziel des HPV-Impfstoffs ist, sollte man das Augenmerk auch auf weitere mögliche HPV-assoziierte Krankheiten richten.
„Zusätzlich zum Zervix-Karzinom des Genitalbereichs verursachen die HPV-Viren auch Malignome des oberen Aerodigestivtrakts“, erinnert der Experte. „Die Zahlen sind geringer als beim Zervix-Karzinom: 20 bis 25 Prozent der Oropharyngealen Malignome sind mit viralen Infekten assoziiert. Wir erwarten, dass auch die Inzidenzraten dieser Krebsarten durch die HPV-Impfung abnehmen.“
Horrende Folgen der Laryngealen Papillomatose
Nicht unerwähnt bleiben sollte auch die Laryngeale Papillomatose, ergänzt Dr. Lubomir Turek von der Klinik für Pathologie an der Universität Iowa. Es handle sich dabei zwar um eine prinzipiell benigne, jedoch für den Betroffenen extrem belastende Erkrankung mit ernsthaften Konsequenzen, die etwa 5.000 Kinder pro Jahr in den USA und in Europa betreffen. „Babys, deren Mütter an genitalen Warzen erkrankt sind, infizieren sich perinatal. Die Kinder leiden dann an einer Infektion der Stimmlippen oder des gesamten Bereichs des oberen Aerodigestivtrakts.“ Die Folgen für manche der Betroffenen sind horrend: „Wir haben Kinder gesehen, die alle 30 Tage eine Laserbehandlung benötigen, die sich 200, 400 oder gar 600 chirurgischen Eingriffen unterziehen müssen, manchmal zehn oder 15 Jahre lang. Daher ist die Erkrankung auch als rezidivierendes respiratorisches Papillom bekannt, ein chirurgischer Eingriff löst gewissermassen gleichzeitig das Wachstum aus. Einige Kinder müssen mit dem kompletten Verlust der Stimme und einem Tracheostoma leben.“ Und manche Säuglinge würden wegen der kompletten Atemwegsobstruktion sogar sterben. Auch hier gehen die Experten davon aus, dass die Impfung die Inzidenzraten dieser Krankheit stark senken wird.
Einfluss auf Sexualverhalten
Im Vorfeld der Zulassung lautete eine Theorie: Ein Jugendlicher, der weiss, dass er oder sie gegen eine sexuell übertragbare Erkrankung geimpft ist, hat früher sexuelle Kontakte oder nimmt es mit der Verhütung nicht mehr so genau. Das hätte – vor allem in den Vereinigten Staaten – schon diverse Sittenwächter auf den Plan gerufen, so einige Medien. Doch das scheint sich als Sturm im Wasserglas zu entpuppen. „Die Kontroverse hat es zu Beginn sicher gegeben, Gruppen haben die Impfung auf ihren Webseiten verurteilt. Doch diese Proteste sind alle zurückgezogen worden“, berichtet der tschechische Fachmann. Ausschlaggebend dafür war die medizinische Gewissheit, dass die Impfung den besten immunologischen Schutz bietet, wenn sie früh – vor dem zehnten Lebensjahr – verabreicht wird. „Das ist ein Alter, in dem die sexuelle Aktivität noch wirklich keine grosse Rolle spielt, ich glaube also nicht, dass es für Eltern bereits ein Thema ist.“ Es sei vielmehr die Tatsache gewesen, dass man mit der Impfung eine potenzielle Krebserkrankung verhindern kann, die zu einer umfassenden Akzeptanz in den USA geführt habe.
Verändertes Screening nötig
Die Abstrich-Kontroll-Programme vieler Länder würden sich den neuen Gegebenheiten anpassen müssen, so die Fachleute. „Diese Programme waren in einer begrenzten Anzahl von Ländern höchst erfolgreich, das System war etabliert und die Frauen waren über die Teilnahme bestens aufgeklärt.“ Was nun Frauen betreffe, die bereits geimpft seien, müssten die Screenings verändert werden. „Wir werden zwei Protokolle optimieren müssen, die Suche nach abnormalen Zellen und das virale Screening.“ Mehrere Studien wären bereits im Gang, die die langfristige Sicherheit und auch die Effektivität der Impfung überprüfen würden. „Diese Studien werden uns darüber berichten, wie man diese Frauen am besten ‚überwacht’, um Krebsfälle zu vermeiden, die auf von der Impfung nicht abgedeckte HPV-Typen zurückzuführen sind.“
Jungen und Mädchen?
Laut Empfehlungen in den USA sollen nur Mädchen geimpft werden, doch Australien, Neuseeland und einige andere Länder empfehlen, auch Jungen derselben Altersklasse zu impfen. Dazu Prof. Vonka: „Es gibt noch Diskussionen über die Benefits, da ja doch signifikante Kosten entstehen. Wir werden erst längerfristig erfahren, welches Modell – aus gesundheitspolitischer Sicht – das kosteneffektivste ist. Ich persönlich würde allen Eltern empfehlen, ihre Kinder beiderlei Geschlechts impfen zu lassen.“ Denn die Impfung könnte auch helfen, die Prävelenz der genitalen Warzen zu vermindern, die bei sexuell aktiven jungen Frauen und Männern häufig auftreten, was „als zusätzlicher Wert dieser Impfung gesehen werden sollte“, so der Experte. Und: „Auch das Peniskarzinom ist mit HPV assoziiert; es hat zwar eine sehr viel geringere Prävalenz als das Zervix-Karzinom, doch wäre es trotzdem ein Benefit für die männliche Bevölkerung.“
Impfung gut verträglich
Auf die Frage, wie es mit der Langzeit-Verträglichkeit der Impfung aussieht, verweisen die Experten auf die Befragung „mehrerer tausend Frauen, die für die Phase-III-Impf-Trials interviewt wurden.“ Die längste Follow-up beträgt nun vier bis fünf Jahre, und ausser Schmerzen an der lokalen Einstichstelle seien keine Nebenwirkungen gemeldet worden. „Die Nebenwirkungen wurden natürlich äusserst sorgfältig überwacht“, betont Dr. Turek. „Für die umfassende Evaluierung benötigen wir allerdings viel höhere Teilnehmerzahlen, einige hunderttausend Frauen, schliesslich treten sehr seltene Ereignisse nur in sehr grossen Gruppen auf. Wir werden mögliche Ereignisse daher auch weiterhin konsequent verfolgen.“
Zervixkarzinom: die Fakten
- Jeden Tag sterben in Europa 40 Frauen an Gebärmutterhalskrebs, wesentlich mehr sind es in den Entwicklungsländern. Trotz der jüngsten medizinischen Fortschritte und verbesserter Krebsvorsorgeuntersuchungen ist das Zervixkarzinom in Europa immer noch die zweithäufigste krebsbedingte Todesursache (nach Brustkrebs) bei jungen Frauen zwischen 15 und 44 Jahren.
- Viele Frauen werden chirurgisch, chemo- oder strahlentherapeutisch behandelt – Methoden, die schädliche Folgen haben können: zum Beispiel Sterilität oder ein erhöhtes Risiko für späte, spontane Fehlgeburten bei Frauen, die nach der Behandlung schwanger werden.
- Der quadrivalente Impfstoff von Sanofi Pasteur MSD wirkt gegen die Virusstämme 6, 11, 16 und 18 und hat in einer gross angelegten Phase III-Studie eine Wirksamkeit von 100 Prozent gegen die Typen 6, 11, 16 und 18 über einen Zeitraum von zwei Jahren gegen die zusammengefasste Inzidenz präkanzeröser Läsionen (CIN2/3) und Adenocarcinome In Situ (AIS), die mit dem Humanen Papillomavirus der Typen 16 und 18 assoziiert sind, gezeigt.
Der bivalente Imfpstoff von GlaxoSmithKline, der zur Zulassung eingereicht ist, richtet sich mit ähnlicher Wirksamkeit gegen die Typen 16 und 18.
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