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Overnight Report vom EUROGIN Paris, April 2006


Paris, 25. April 2006

Alle reden vom Impfstoff

Das Zerivxkarzinom kann besiegt werden

PARIS ­- Mit mehr als 480 000 Neuerkrankungen und 280 000 Todesfällen ist das Zervixkarzinom das zweithäufigste Karzinom der Frauen weltweit. Und das völlig überflüssigerweise, zählt es doch zu den wenigen Karzinomen, dessen Ursache man heute kennt.

Zugrunde liegt eine Infektion mit einem der mehr als 100 bekannten Papillomaviren, am häufigsten mit den Typen 16 oder 18, die zusammen für rund 70 % der Zervixtumoren verantwortlich sind. Durch die Einführung von Screeningprogrammen mit Abstrichen in den fünfziger Jahren gelang es, die Inzidenz der Zervixkarzinome um 70 % zu reduzieren und so von einer tödlichen Erkrankung zu einer seltenen Pathologie zu machen, so der Präsident des diesjährigen EUROGIN-Kongresses, Dr. Joseph Monsonégo, Paris.
Dr. Joseph Monsonégo
Dr. Joseph Monsonégo

In den Entwicklungsländern stellt dieses Karzinom auch heute noch ein grosses Problem dar, zwei Drittel aller Fälle treten dort auf. Screeningprogramme und systematische Aufklärung sind dort nur schwer zu implementieren. Und das Screening allein ist nicht ausreichend: Neben der unvollständigen Teilnahme ist ein Drittel aller Fälle unter Frauen zu verzeichnen, die regelmässig einen Abstrich machen lassen. Dies wird auf die mangelnde Sensibilität der Untersuchung zurückgeführt.

Infektion gleich Karzinom?

Eine Infektion mit dem humanen Papillomavirus (HPV) ist relativ häufig: Schätzungen zufolge kommen sieben von zehn Frauen im Laufe ihres Lebens mindestens einmal mit dem Virus in Kontakt. Ohne Intervention würde eine von fünf exponierten Frauen im weiteren Verlauf ein Zervixkarzinom entwickeln.

Das Risiko einer Infektion ist in jüngeren Jahren grösser und liegt vor dem dreissigsten Lebensjahr bei etwa 30 %. Der Peak ist etwa um das 25. Lebensjahr zu verzeichnen. Zwischen 30 und 50 nimmt die Wahrscheinlichkeit auf etwa 10 % ab, jenseits der 50 liegt sie noch bei ca. 5 %.

Die Infektion mit dem humanen Papillomavirus ist häufig.
Die Infektion mit dem humanen Papillomavirus ist häufig.

Anders als in jungen Jahren ist bei den etwas älteren Frauen aber die Wahrscheinlichkeit der Viruspersistenz höher. In jüngeren Jahren sind etwa 80 % der Infektionen transient, nach neun bis zwölf Monaten verschwindet das Virus in der Regel wieder, und die Mehrheit der Frauen entwickelt eine Immunität. Bei den anderen persistiert das Virus über Monate und Jahre, und die Frauen können in der Folge intraepitheliale Läsionen entwickeln ­ ­–- die unentdeckt viele Jahre später zum Zervixkarzinom werden können. Am häufigsten sind in diesem Zusammenhang die HPV-Subtypen 16 und 18 zu finden.

Verglichen mit den Gefahren des Tabaks für die Entwicklung eines Lungenkarzinoms oder der Hepatitis B und ihre Folgen für die Leber, ist die Gefahr eines Zervixkarzinoms deutlich höher.

Relatives Risiko, einen Tumor zu entwickeln:
Tabak/Lungenkarzinom: 10
Hepatitis-B-Virus/Leberkarzinom: 50
HPV/Zervixkarzinom: 300 bis 400

Dennoch ignorieren etwa 80 % der Frauen die damit einhergehenden Gefahren.

Dr. Joseph Monsonégo:

„Zur Mammografie geht man heute regelmässig, aber für den Abstrich gilt dies noch längst nicht. Diese Frauen, die nicht regelmässig zur Untersuchung gehen, sind am stärksten gefährdet".


Grosse Hoffnungen in Impfstoffe

Sowohl in den Entwicklungsländern als auch in den entwickelten Ländern wird mit grossen Hoffnungen die Einführung zweier Impfstoffe erwartet. Bei dem einen handelt sich um einen bivalenten Impfstoff, der gegen die Subtypen 16 und 18 gerichtet ist und von der Firma GSK unter dem Namen Cervarix® vertrieben werden wird. Der andere Impfstoff ist tetravalent (16/18/6/11) und wird von Sanofi Pasteur MSD als Gardasil® auf den Markt kommen. Beide sind, rechtzeitig verabreicht, sehr effektiv im Schutz gegen eine Infektion mit dem HPV sowie die damit einhergehenden Folgen. Ihre Wirksamkeit wird mit 95 % betreffs einer Infektion und mit 100 % betreffs persistierenden Infektionen beziffert. Der tetravalente Impfstoff kann zusätzlich zur Prävention von Kondylomen eingesetzt werden.
Beide sind in der Schweiz zur Zulassung eingereicht und sollen dort vor den anderen europäischen Ländern eingeführt werden. Man rechnet damit, dass Gardasil Mitte des Jahres die Zulassung erhalten wird, Cervarix zu einem späteren Zeitpunkt.

"Die Impfungen zählen zu den effektivsten Massnahmen gegen virale Erkrankungen wie Polio, Röteln oder Windpocken, die wir kennen", so der Experte, "und nun haben wir die aussergewöhnliche Chance damit eine Krebserkrankung zu verhindern."

Dr. Joseph Monsonégo:

„Die Erkrankung ist weder durch Blut noch durch Sperma übertragbar, ein Kondom kann nicht vor einer HPV-Infektion schützen. Darüber sollte man aber nicht vergessen, dass es vor vielen weiteren sexuell übertragbaren Erkrankungen schützt.“



Dr. Eduardo Franco
Dr. Eduardo Franco

Auch Dr. Eduardo Franco, Epidemiologe aus Montreal, sieht der Impfung hoffnungsvoll entgegen. Sie wird das Problem limitieren und insbesondere für die Länder der dritten Welt eine wichtige Rolle spielen. Die Ergebnisse der Studien sind bislang sehr viel versprechend und die Verträglichkeit der Impfstoffe unterscheidet sich nicht von der eines Plazebos.


Wer aber wird impfen? Und wann? Hausärzte und Pädiater sind mit dem Impfen sehr gut vertraut, so die Kinderärztin Professor Dr. Catherine Weil-Olivier. So oder so braucht es in erster Linie Aufklärung und Information, um die Akzeptanz einer Impfung zu verbessern und unnötige Angst zu vermeiden. Damit wirklich etwas erreicht werden kann, muss sich die Allgemeinheit dieser Frage annehmen, beispielsweise mit einem entsprechenden Impfprogramm.
Prof. Dr. Catherine Weil-Olivier
Prof. Dr. Catherine Weil-Olivier

Wer sollte geimpft werden?

  • In Studien wurden derzeit Mädchen und junge Frauen zwischen 15 und 25 geimpft.

  • Weitere Studien untersuchen die Impfung bei Frauen älter als 25, die exponiert waren, aber noch keine Läsionen entwickelt haben.

  • Für eine Impfung von Jungen gibt es derzeit keine Hinweise, ausser ggf. zur Vorbeugung von Kondylomen. Dies ist durch den tetravalenten Impfstoff möglich (Die HPV-Typen 6 und 11 stehen damit in Zusammenhang.).
  • Zervixkarzinom: Welches der Papillomaviren ist schuld?

    Etwa 15 verschiedene Subtypen werden allein oder in Kombination als auslösendes Agens in mehr als 99 % aller Fälle für ein Zervixkarzinom verantwortlich gemacht.

    HPV 16: 50 bis 60 %
    HPV 18: 10 bis 20 %

    Deshalb lag es nahe, bei der Entwicklung eines Impfstoffs das Hauptaugenmerk auf diese beiden Subtypen zu legen.

    Wann Abstrich, Test oder Impfung?

    Heute gibt es verschiedene Möglichkeiten, eine HPV-Infektion zu diagnostizieren:

    Mit einem Abstrich und einer zytologischen Untersuchung können im Rahmen der Sekundärprävention Veränderungen in etwa zwei Drittel der Fälle richtig erkannt werden, etwa ein Drittel der Ergebnisse ist uneindeutig oder falsch.
    Ist das Ergebnis eines Abstrichs unauffällig, sollte die Untersuchung etwa alle zwei bis drei Jahre wiederholt werden. Regelmässige Abstriche werden vom 20. bis zum 70. Lebensjahr empfohlen. Ein auffälliger Befund sollte bis zur Normalisierung alle sechs Monate kontrolliert werden.
    Heute besteht ausserdem die Möglichkeit eines HPV-Tests, der bei unklaren Befunden oder ggf. auch zusätzlich zu einem Abstrich durchgeführt werden kann. Ist dessen Resultat negativ, kann man zu 100 % sicher sein, dass alles in Ordnung ist und für die nächsten drei bis vier Jahre beruhigt sein. Bei einem HPV-Test kann mit dem gewonnenen Material ggf. eine weitere Untersuchung, z.B. eine Typisierung, durchgeführt werden. Auch im Rahmen einer Nachbeobachtung nach Konisation sinnvoll.
    Die Impfung ergänzt das normale Screening mit Abstrichen, ersetzt es aber nicht. Als Massnahme der Primärprävention muss sie rechtzeitig, das heisst möglichst vor dem ersten sexuellen Kontakt, erfolgen. Eine Infektion mit anderen HPV-Subtypen, die weniger häufig sind, ist aber damit nicht ausgeschlossen. Bei geimpften Frauen können die Abstände zwischen den Abstrichen ggf. grösser ausfallen.

    Dr. med. Christine Mücke

    Quellen:
    Pressekonferenz am EUROGIN 2006, Paris
    Monsonégo, J. Gynécologie Obstétrique & Fertilité 34 (2006) 189 ­- 201


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