Overnight Report vom 21. Jahreskongress der European Association of Urology
PARIS, 10.04.2006
Nierenzellkarzinom: Revolution in den letzten 6 Monaten
Die Inzidenz der Nierenzellkarzinome steigt in allen Industrieländern.
So weit die schlechte Botschaft. Die gute Nachricht: Therapeutisch bewegt sich
endlich etwas. Weil man immer mehr über die Schaltstellen der Tumorgenese
weiss, können gezielte Therapien entwickelt werden. Kurz vor der Einführung
steht Sunitinib, und weitere - oral einzunehmende Substanzen - sind ihm dicht
auf den Fersen.
Am 21. Kongress der European Association of Urology befasste sich eine
"Schlagzeilen-Session" mit den neuen zielgerichteten Therapien gegen
Nierenzellkarzinom. Die Prognose dieser Krebsart ist düster: 30% der Patienten
stellen sich mit bereits metastasiertem Karzinom vor, 40% metastasieren dann
nach dem chirurgischen Eingriff. Ein neues Therapieziel ist der Angiogenesefaktor
(VEGF - vascular endothelial growth factor). Gegen ihn richten sich die Substanzen
Bevacizumab, ein monoklonaler Antikörper gegen VEGF, sowie Sunitinib und
Sorafenib. Die beiden letzteren können oral eingenommen werden. Sie blockieren
auch weitere Signalwege.
"Das Ausmass, in dem Sunitinib die Grösse eines metastasierenden
Nierenzelltumors verkleinern kann, haben wir bis jetzt noch durch kein Medikament
der Zweitbehandlung gesehen", betonte Professor Dr. Peter F. A. Mulders,
Universität von Nijmegen. Am Kongress zeigt eine Studie, dass die Gesamtansprechrate
unter Sunitinib bei Patienten, die auf Interleukin nicht ansprechen, 43% beträgt,
bei einem akzeptablen Risikoprofil.
Ein zweiter Rekord ist zu vermelden: Für die derzeit anlaufenden Studien
zu Sorafenib sind die am schnellsten rekrutierenden Studien, die bislang auf
diesem Gebiet gesehen wurden. Eine am Kongress präsentierte Studie zeigt
eine Verdoppelung des progressionsfreien Überlebens von drei auf sechs
Monate.
Zu einem Paradigmenwechsel führen aber nicht nur die Ansprechraten unter
diesen neuen Therapien, sondern auch das Vorgehen, das Dr. Arie Belldegrun,
Universität von Kalifornien in Los Angeles schilderte: Die Zeiten sind
vorbei, in denen ein Medikament allen Patienten mit einer umschriebenen Indikation
angeboten wurden. Jetzt kommt es darauf an, genau die Patienten herauszufiltern,
die von einer neuen Therapie profitieren werden.
Die Charakteristika der neuen Therapien: Das Tumoransprechen ist schnell sichtbar.
Der Effekt ist vor allem zytostatisch - Komplettremissionen sind nicht zu erwarten.
Die Medikamente sind für die Langzeitanwendung vorgesehen.
Werden Interferon oder Interleukin-2 beim Nierenzellkarzinom damit Geschichte?
Das eher nicht, denn sie können auf solide Daten über bis zu 15 Jahre
verweisen. Aber es sei durchaus sinnvoll, dass sich der therapeutische Kuchen
aufteilt. Und dann müssen für die neuen Therapien noch viele Fragen
beantwortet werden: Welche Patienten wählt man genau für sie aus?
Worauf muss die Nachbeobachtung Wert legen? Welches Dosierungsschema ist das
beste? Wann beendet man die Behandlung? Ist ein Rebound zu erwarten, und - wer
sollte behandeln? "Die neuen Behandlung sind in keiner Weises so nebenwirkungsbelastet
wie Interleukin, sie sind einfach anzuwenden und man kann sich rasch mit ihnen
vertraut machen. Die Schlüsselbotschaft lautet also: Der Urologe sollte
sich damit befassen", resümierte Dr. Belldegrun. UNo
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