Overnight Report vom 21. Jahreskongress der European Association of Urology
Paris, 07.04.2006
Prostatakrebs - Eine Infektionskrankheit
Prostatakrebs ist eine Infektionskrankheit. Diese Hypothese belegte
Dr. Eric Stein, Cleveland, am 21. Kongress der European Association
of Urology mit überzeugenden Fakten.
Genstudien deuteten bereits darauf hin, dass das Risiko für Prostatakrebs
deutlich erhöht ist, wenn ein bestimmtes Gen (RNaseL) fehlt. Bei Heterozygoten
dieses Gendefizits ist das Risiko um 50%, bei Homozygoten um das Doppelte erhöht.
Was hat das Fehlen dieses Gens mit der Prädisposition für Prostatakrebs
zu tun, und was mit einer infektösen Genese?
Die Antwort lässt sich aus der Tatsache ableiten, dass dieses Gen antivirale
Eigenschaften hat. Aber auch epidemiologische Daten deuteten darauf hin, dass
infektöse Agenzien bei der Prostata-Karzinogenese ihre Hand mit im Spiel
haben: Bei Patienten mit sexuell übertragbaren Krankheiten ist das Risiko
für Prostatakrebs um 44%, bei Patienten mit Prostatitis um 60% erhöht.
All das war für die Arbeitsgruppe um Dr. Stein Anlass genug, eine neue
Technologie auszuprobieren: den ViroChip. Dieser Chip enthält Informationen
über mehr als 1000 pathogene Viren - und zwar Pflanzen-, Tier- und humanpathogene
Viren und kann diese aus infektiösem Material nachweisen.
Dr. Stein nahm histologisches Material von Prostatakarzinom-Resektaten und
überprüfte sie mit dem ViroChip. Das Resultat: in acht überprüften
Fällen fand er achtmal genau das gleiche Virus - unter 1000 möglichen.
Es handelt sich um ein Säuger-Retrovirus der Gammagruppe, verwandt mit
dem HI-Virus, aber klinisch mit völlig anderen Eigenschaften. Auch fand
Dr. Stein in sieben dieser acht Fälle die Genmutation, die für eine
Virusinfektion prädestiniert.
Interessanterweise ist das Virus nicht in den Karzinomzellen selbst enthalten.
Aber die Infektion kann über vermehrte Oxidationen beispielsweise die Kanzerogenese
fördern. Viel wichtiger als die pathophysiologischen Grundlagen sind die
Möglichkeiten, die diese Entdeckung für die Therapie bietet: Dr. Stein
verwies darauf, dass die Vakzinen gegen Papillomavirus die Krebsinzidenz senken
können. Gleiches ist auch beim neu entdeckten Viruszusammenhang zwischen
Prostatakarzinom und dem Gammaretrovirus zu hoffen: dass eine Vakzine dazu beitragen
könnte, die Inzidenz zu senken oder gar diese Art des Karzinoms auszurotten.
UNo
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