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Donnerstag, 17.05.2012     Medical Tribune Group





Deutsche Psychiatrie im Dritten Reich

Weiterführende Initiativen der DGPPN

BERLIN – In die Zeit des Nationalsozialismus fällt das dunkelste Kapitel der deutschen Psychiatrie. Mindestens 250.000 psychisch Kranke und Behinderte fielen dem sogenannten Euthanasieprogramm zum Opfer. Psychiater waren massgeblich an der Zwangssterilisierung von mehr als 360.000 vor allem psychisch kranker und geistig behinderter Menschen beteiligt. Jüdisch und politisch missliebige Psychiater wurden verfolgt und aus Deutschland vertrieben. Prof. Dr. med. Dr. rer. soc. Frank Schneider, Aachen, Past President DGPPN, informierte am Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotheraüpoe und Nervenheilkunde, über die aktuellen Aktivitäten der Fachgesellschaft. Im vergangenen Jahr hatte sich die Fachgesellschaft offiziell zu den Verbrechen im 3. Reich bekannt.

Forschungsprojekt soll Rolle der Fachgesellschaft klären

Nach viel zu langen Jahren des Schweigens, des Kleinredens und Verdrängens und der fortdauernden Diskriminierung der Opfer und ihrer Angehörigen begann erst allmählich und unter grossen Schwierigkeiten in den 1980er Jahren die Aufarbeitung dieser Zeit. Im Jahr 2009 wurde im Rahmen der DGPPN-Mitgliederversammlung eine sehr konstruktive Diskussion über den Umgang mit der eigenen Vergangenheit geführt. Diese kommt in einer einstimmig beschlossenen Satzungsänderung zum Ausdruck, worin es heisst:
„Die DGPPN ist sich ihrer besonderen Verantwortung um die Würde und Rechte der psychisch Kranken bewusst, die ihr aus der Beteiligung ihrer Vorläuferorganisationen an den Verbrechen des Nationalsozialismus an massenhaften Krankenmorden und Zwangssterilisierungen erwachsen.“

Die DGPPN hat fast 70 Jahre nach den Gräueltaten, die von den Mitgliedern und Funktionären ihrer Vorläuferorganisationen begangen wurden, darunter auch spätere Ehrenmitgliedern und Präsidenten der DGPPN, im Jahr 2009 ein Forschungsprojekt ausgeschrieben. Es soll so vollständig und rückhaltlos wie möglich geklärt werden, welche Rolle die damaligen Fachgesellschaft und dessen Mitglieder in der Zeit des Nationalsozialismus gespielt haben. Den Prozess der wissenschaftlichen Aufarbeitung begleitet eine Kommission zur Aufarbeitung der Geschichte der DGPPN. Diese besteht aus vier namhaften internationalen Medizin- und Wissenschaftshistorikern: Professor Dr. Volker Roelcke (Giessen), Professor Dr. Carola Sachse (Wien), Professor Dr. Heinz-Peter Schmiedebach (Hamburg- Eppendorf) und Professor Dr. Paul Weindling (Oxford). Ergebnisse dieser Forschung von den Professoren Dr. Hans-Walter Schmuhl (Bielefeld) und Rakefet Zalashik (Haifa) werden im Jahr 2012 erwartet.

Öffentliches Bekenntnis zur Vergangenheit

Der Jahreskongress 2010 der DGPPN in Berlin war der Erinnerung an die Opfer der Psychiatrie im Nationalsozialismus gewidmet. Im Rahmen der zentralen Gedenkveranstaltung am 26. November 2011 bat der damalige DGPPN-Präsident die Opfer und ihre Angehörigen im Namen der Fachgesellschaft um Verzeihung für das Leid und das Unrecht, das ihnen in der Zeit des Nationalsozialismus im Namen der deutschen Psychiatrie und von deutschen Psychiatern angetan wurde und für das viel zu lange Schweigen, Verharmlosen und Verdrängen der deutschen Psychiatrie in der Zeit danach. Damit wollte man ein deutliches Zeichen setzen, getragen von dem Willen, die Opfer anzuerkennen und an ihrer Seite zu stehen, sich zu der eigenen Vergangenheit zu bekennen und aus der Vergangenheit zu lernen.

Publikationen gegen das Vergessen

Die Reden der Gedenkveranstaltung hat die DGPPN in einer Buchpublikation „Psychiatrie im Nationalsozialismus – Erinnerung und Verantwortung“ zusammengefasst. Zudem hat die Fachgesellschaft die Neuauflage des Buches „Selektion in der Heilanstalt 1939 – 1945“ initiiert und unterstützt. Professor Dr. Gerhard Schmidt (1904 – 1991), ehemaliger Direktor der Nervenklinik Lübeck, war einer der wenigen Ausnahmen, die schon früh auf die Verbrechen an psychisch kranken und geistig Behinderten Menschen aufmerksam machte. Sein Buchmanuskript, in dem er die Geschehnisse in der Heil- und Pflegeanstalt Egelfing/Haar beschrieb, fand über zwanzig Jahre lang kein Verleger. Beide Publikationen sind zu diesem Kongress beim Springer Verlag erschienen. Sowohl mit der Dokumentation ihrer Gedenkveranstaltung (ISBN 978-3-642-20468-5) als auch mit der Neuauflage der Publikation „Selektion in der Heilanstalt 1939-1945“ (ISBN 13978-3642-25469-7) möchte die DGPPN die Bedeutung des Themas für Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Faches Psychiatrie deutlich machen.





 
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