Azacytidin bei myelodysplastischen Syndromen
Überlebensverlängerung auch bei erheblichen Komorbiditäten
LONDON – Bei myelodysplastischen Syndromen (MDS) mit höherem Risiko lässt sich mithilfe von Azacytidin eine Verlängerung des Überlebens erreichen. Da die meist älteren Patienten jedoch häufig an Komorbiditäten leiden, erhebt sich die Frage, ob sich das auf den Therapieerfolg auswirkt. Italienische Hämatologen stellten an der 16. Jahrestagung der European Hematology Association Daten einer aufschlussreichen Kohortenstudie vor, in der die Komorbiditäten sehr präzise erfasst wurden.
Myelodysplastische Syndrome (MDS) treten bevorzugt bei älteren Patienten auf, und höheres Alter als solches wird als negativer prognostischer Faktor angesehen. Andererseits weisen die meisten Patienten Komorbiditäten auf, die vermutlich ebenfalls Überleben und Lebensqualität und möglicherweise auch das Ansprechen auf die Therapie bei dieser Erkrankung beeinflussen. Die Therapie der Wahl besteht bei Patienten mit intermediärem und hohem Risiko anhand des International Prognostic Scoring System (IPSS) aus Azacytidin, für das auch bei über 75-Jährigen eine Verlängerung des Überlebens gegenüber einer Behandlung mit «Best supportive care» (BSC) gezeigt werden konnte. Alessandro Sanna, Florenz, und Kollegen wollten wissen, ob Komorbiditäten sich in der Praxis auf die Beahandlung mit Azacytidin sowie auf Ansprechen und Überleben mit dieser Therapie auswirken.
Die untersuchte Gruppe umfasste 103 Patienten mit MDS der IPSS-Klassen INT-1 (30 %), INT-2 (49 %) und High (21 %). Sie erhielten Azacytidin subkutan mit 75 mg/m2 an jeweils sieben Tagen eines vierwöchigen Zyklus für median neun Zyklen. 30 % der Patienten waren mindestens 70 und 39 % mindestens 80 Jahre alt.
Alle Patienten wurden mit drei verschiedenen geriatrischen Erfassungsinstrumenten beurteilt: Charlson Comorbidity Index (CCI, 54 % Score 0,37 % Score 1 oder 2,9 % Score ≥3), Cumulative Illness Rating Scale (CIRS, 37 % Score 0; 37 % Score 1; 26 % Score ≥2) und Adult Comorbidity Evaluation-27 (ACE-27, 41 % ohne, 29 % mit leichter, 23 % mit moderater und 7 % mit schwerer Komorbidität).
Die Ansprechraten (hämatologische Verbesserung, komplette und partielle Remissionen) lagen bei 49 %, und 37 % der Patienten erreichten immerhin eine Krankheitsstabilisierung. Die mediane Überlebenszeit für die gesamte Kohorte lag bei 22 Monaten; ein Unterschied zwischen den unter 75-Jährigen (25 Monate) und den 75-Jährigen oder Älteren (15 Monate) war nicht signifikant (p > 0,160). Zwar gab es keine Korrelation zwischen Komorbiditätsscores, Alter und hämatologischem Ansprechen, aber die Überlebenszeiten waren in hohem Mass von der Komorbidität abhängig: Patienten mit hohen Scores in CCI, CIRS und ACE-27 überlebten median 6,5, zehn bzw. acht Monate, während die entsprechenden Werte in den Gruppen mit den niedrigsten Scores bei 20, 22 bzw. 22 Monaten lagen.
Diese Überlebenszeiten waren deutlich höher als in einer Kontrollkohorte von 246 bezüglich Diagnose und Alter gematchten Patienten aus dem italienischen MDS-Register, die nicht behandelt worden waren. Unerwünschte hämatologische oder nichthämatologische Nebenwirkungen der Grade 3 bzw. 4 traten bei 34 % bzw. 36 % der Patienten auf und waren in ihrer Häufigkeit vom Alter unabhängig.
Auch MDS-Patienten mit Komorbiditäten, so die Schlussfolgerung der Autoren, können erfolgreich, d.h. mit einer Verlängerung des Überlebens, mit Azacytidin behandelt werden, ohne dass Nebenwirkungen wesentlich zu Buche schlagen – auch wenn Komorbiditäten per se das Überleben negativ beeinflussen. Sie sollten deshalb bei diesen meist älteren Patienten auf jeden Fall routinemässig mit validierten Instrumenten erfasst werden, weil sich damit auf einfache Weise eine Verfeinerung der Prognoseabschätzung erzielen lässt. fg
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