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Samstag, 04.02.2012     Medical Tribune Group





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Medikamentenhandel übers Internet

Ein gigantisches Problem

BASEL – Die Zahlen sind alarmierend: Jährlich sterben 700000 Menschen, weil sie gefälschte Medikamente einnehmen. Der Vertrieb übers Internet stellt dabei ein riesiges Problem dar. Schätzungen zufolge wird 2010 der Umsatz mit gefälschten Arzneimitteln 75 Milliarden US-Dollar betragen – das bedeutet eine Zunahme von über 90% gegenüber 2005. Was können Ärzte und Apotheker dagegen tun? Dr. pharm. Karoline Mathys, Leiterin Bereich Marktüberwachung beim Schweizerischen Heilmittelinstitut Swissmedic, gibt Auskunft.

Medical Tribune: Können Schweizer Apotheker bei dem riesigen Schwarzmarkt überhaupt noch sicher sein, dass sie tatsächlich die bestellten Produkte geliefert bekommen?

Dr. Mathys: Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nirgendwo. In der Schweiz sind jedoch die legalen Vertriebskanäle behördlich gut kontrolliert. Jeder, der in der Schweiz Arzneimittel herstellt, gewerbsmässig importiert oder vertreibt, braucht eine Bewilligung.

Wie stark werden Schweizer Apotheken durch Arzneimittelanbieter im Internet konkurrenziert?

Dr. Mathys: Aufgrund von Analysen, welche Swissmedic in Zusammenarbeit mit dem Zoll gemacht hat, muss pro Jahr mit rund 50?000 illegalen Arzneimittelimporten durch Privatpersonen gerechnet werden.

Bestellen Schweizerinnen und Schweizer alle Medikamente übers Netz oder nur ganz bestimmte?

Dr. Mathys: Es werden sehr viele rezeptpflichtige Arzneimittel bestellt. Neben Erektionsförderern, Schlankheitsmitteln und Muskelaufbaupräparaten auch hormonelle Verhütungs- und Schmerzmittel, Antibiotika und vieles mehr.

Gibt es Merkmale anhand derer seriöse von unseriösen Internet-Apotheken unterschieden werden können?

Dr. Mathys: Aufgrund unserer Erkenntnisse aus den am Zoll konfiszierten und analysierten Arzneimitteln raten wir grundsätzlich vom Bezug von Arzneimitteln übers Internet ab. Es gibt leider kaum seriöse und behördlich bewilligte Internetapotheken. Über 50% der auf diesem Weg vertriebenen Produkte stammen aus Asien – auch wenn die Anbieter suggerieren, sie seien aus einem europäischen Land.

Bergen die über Internet bestellten Arzneimittel spezielle Risiken?

Dr. Mathys: Aufgrund unserer Analysen besteht ein erhebliches gesundheitliches Risiko. Viele dieser Arzneimittel sind gefälscht und von ungenügender Qualität. Sie enthalten zu wenig oder zu viel Wirkstoffe, oft auch andere als die deklarierten. Teilweise werden die Produkte ohne geeignete Kühlung transportiert und enthalten praktisch nie die notwendige Arzneimittelinformation. Zudem kommt es häufig vor, dass so genannt rein pflanzliche, also „natürliche“ Produkte synthetische, verschreibungspflichtige Wirkstoffe enthalten.

Wie können Apotheker ihre Kunden für das Problem der Arzneimittelkriminalität sensibilisieren?

Dr. Mathys: Indem Sie beim Beratungsgespräch gezielt nach anderen, eventuell auch selbst besorgten Arzneimitteln fragen. Ergibt sich daraus ein Gespräch, kann auf die grosse Zahl der Importe und die genannten Risiken hingewiesen werden.

Was eine einzige Kontrolle ans Licht brachte:

Genaue Zahlen zu erheben, grenzt ans Unmögliche. Im Juni 2008 haben sich Arzneimittelexperten von Swissmedic aber gemeinsam mit Grenzbeamten ein Bild vom illegalen Arzneimittelmarkt gemacht. An zwei Tagen kontrollierten sie am Zoll Zürich-Mülligen 326 Pakete aus Indien und 347 aus Thailand. Was sie darin fanden, erfüllte selbst schockerprobte Wissenschaftler mit Entsetzen: 27% der kontrollierten Pakete aus Indien enthielten Medikamente, bei den thailändischen waren es 16%. Zusammengenommen enthielten die Pakete 145 Arzneimittelsendungen.

  • 125 davon enthielten synthetische Produkte,
  • 16 Komplementär- oder Phytoarzneimittel,
  • daneben befanden sich in den Paketen nicht näher definierbare Arzneimittel und ein Medizinprodukt.

Besonders brisant war die Auswahl der synthetischen Arzneimittel. 95% davon sind in der Schweiz ausschliesslich durch ärztliche Verordnung zu bekommen. Mit 45% waren die erektionsfördernden Mittel am meisten vertreten, gefolgt von den verschiedensten Präparaten für Bodybuilder oder Sportler. Der grosse Rest bestand aus verschiedenen Schmerzmitteln, Schlankheitsmitteln, Antibiotika und Antikonzeptiva. Die Detailanalyse von Swissmedic beschränkte sich im Folgenden auf die meist vertretene Kategorie – die Mittel gegen erektile Dysfunktion. 44 Chargen waren es insgesamt.

  • Bei sieben Chargen entsprach die Zusammensetzung überhaupt nicht der Deklaration, fünf Chargen enthielten sogar neuen, nirgendwo zugelassenen und somit potenziell gefährlichen Wirkstoff.
  • Zwei Chargen enthielten mehrere Wirkstoffe obwohl nur einer deklariert war.
  • 16 Chargen enthielten deutlich zu wenig Wirkstoff.
  • Zwei Chargen enthielten viel zu viel Wirkstoff (in einem Fall 180% des deklarierten Wirkstoffs).

Der grösste Teil der analysierten Arzneimittel gegen erektile Dysfunktion waren Fälschungen oder qualitativ schlechte Nachahmungen. Keines der versandten Arzneimittel dieser Gruppe ist in der Schweiz zugelassen. Zudem brachten die Analysen zutage, dass keine einzige der untersuchten Arzneimittelsendungen über die notwendige Patienteninformation verfügte. Die Verbraucher werden bewusst im Unklaren darüber gelassen, was sie schlucken.

Meldung von Verdachtsfällen zu Arzneimittelfälschungen und illegalem Vertrieb:
Swissmedic, Einheit Kontrolle, illegale Arzneimittel:
e-mail: market.surveillance@swissmedic.ch;
Tel: 031 323 16 63; ausserhalb der Bürozeiten: 031 322 05 55
Fax: 031 322 07 22
Leitfaden „Arzneimittel und Internet“auf www.swissmedic.ch
- Marktüberwachung
- Arzneimittel aus dem Internet

Der vollständige Artikel erscheint in der Medical Tribune Nr. 04/2010.





 
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