Ernährungsmanagement für Hochbetagte im Felix Platter-Spital
Viele Rezepte gegen Mangelernährung
Basel – Mangelernährung ist im hohen Alter keine Seltenheit. Wenn die Verdauungsleistung sinkt, das Hunger- und Durstgefühl abnimmt und ebenso der Geschmacks- sowie Geruchssinn, besteht eine reelle Gefahr einer Malnutrition. Bei jedem zweiten Patienten, der im Felix Platter-Spital eingeliefert wird, zeigen sich solche Defizite. Um dem Problem Herr zu werden, hat das mutmasslich grösste geriatrische Kompetenzzentrum der Schweiz ein interdisziplinäres Ernährungsmanagement unter Einbezug von ärztlichem Dienst, Pflegedienst, Gastronomie und Ernährungsberatung aufgebaut. Nach dem Spitalaufenthalt ist vor allem der Hausarzt gefragt.
Die 84-jährige H.K. kann sich kaum mehr auf den Beinen halten. Das Einkaufen bereitet ihr grösste Mühe, weil eine Wunde am Fuss einfach nicht richtig verheilen will. Im letzten Monat hat sie zudem fast fünf Kilogramm abgenommen.
Frau H.K. ist aufgrund der geschilderten Umstände ein Fall für die Spezialsprechstunde Malnutrition im Felix Platter-Spital. Diese wird älteren Menschen empfohlen, welche mehrere Wochen unter Appetitmangel leiden oder Durchfall zu beklagen haben. Als Kandidatin oder Kandidat für eine genauere Abklärung ebenfalls in Frage kommen Hochbetagte mit einer ungewollten Gewichtsabnahme (über drei Kilogramm in einem Monat, über fünf Kilogramm in zwei Monaten oder über sieben Kilogramm in drei Monaten), einem Bodymass-Index von unter 19 kg/m2 oder – unter anderem – mit einer andauernden Wundheilungsstörung. Hausärzte können ihre Patienten bei Bedarf zur Erstabklärung mittels einem Überweisungsformular zur Sprechstunde ins Spital schicken (www.felixplatterspital/Fachbereiche/Sprechstunden).
Malnutrition in der Geriatrie ist laut ärztlichen Angaben eine typische Alterserscheinung. Eine verzögerte Magenentleerung, weniger Säureproduktion, erhöhte Zytokine etc. dämpften die Lust aufs Essen. Gewisse Medikamente wie ACE-Hemmer, Analgetika oder Antazida seien ebenfalls Appetitverderber. Auch chronische Krankheiten wie etwa eine Herzinsuffizienz, COPD, Parkinson oder eine Demenz könnten letztlich Gründe für eine Malnutrition sein.
Die Stoffwechselfunktionen verlangsamen sich ferner mit zunehmendem Alter, das Kauen kann Probleme bereiten, und vielfach fehlt ein Hunger-und Durstgefühl, sagt Susanne Emmisberger. „Je älter man wird, desto mehr Beachtung sollte der Ernährung geschenkt werden“, lautet die Empfehlung der Leiterin Ernährungsberatung im Felix Platter-Spital. Die Ernährungsberatung des geriatrischen Kompetenzzentrums hat dazu eine Broschüre für Betroffene und deren Angehörige erstellt. Sie enthält Empfehlungen für die Ernährung von hochbetagten Menschen und wertvolle Tipps zur Vorbeugung und Behandlung einer Mangelernährung. Man kann sie bei der Ernährungsberatung des Felix Platter-Spitals bestellen oder auf der Homepage www.felixplatterspital/Therapie-Beratung/Ernaehrungsberatung herunterladen.
Soll man die Betagten im hohen Alter aber nicht in Ruhe lassen, statt sie über gesunde Ernährung aufzuklären und ihnen womöglich noch Essfreuden vermiesen?, mögen sich viele fragen. Nein, es mache durchaus Sinn, eine Mangelernährung anzugehen und zu therapieren, ist Susanne Emmisberger überzeugt. Erstens führt beispielsweise eine falsche oder ungenügende Ernährung zu einem Muskelabbau, was wiederum die Sturzgefahr erhöht. Eine Malnutrition schwächt auch das Immunsystem, wodurch die Gefahr von Infektionskrankheiten zunimmt. Zudem heilen Wunden infolge einer ungenügenden Ernährung schlechter. Ebenso erhöhe sich die Dekubitus-Gefahr. Selbst Depressionen werden mit einer Fehlernährung in Zusammenhang gebracht. Kurzum: Dank einer adäquaten und ausgewogenen Ernährung lasse sich die Lebensqualität auch noch im hohen Alter verbessern und darum geht es letztendlich.
Und zweitens seien auch die volkswirtschaftlichen Kosten in Rechnung zu stellen: Ein Sturz beispielsweise bedeute in diesem Alter meistens eine längere Hospitalisation und eine noch längere Immobilität.
Wer aus welchen Gründen auch immer als Patient ins Felix Platter-Spital eingeliefert wird, sieht sich bereits am Eintrittstag mit dem Thema Ernährung konfrontiert. Der Stationsarzt erhebt mittels speziell für geriatrische Patienten konzipiertem Mini Nutritional Assessment (www.mna-elderly.com) das Risiko für Malnutrition. Bei erhöhtem Risiko wird die ersten vier Tage das individuelle Ess- und Trinkverhalten erfasst und dokumentiert. „Bei jedem zweiten Patienten wird eine Mangelernährung festgestellt“, bilanziert Susanne Emmisberger.
Wie gut beziehungsweise wie schlecht es um den Ernährungszustand von eintretenden Patienten effektiv bestellt ist, wird im Felix Platter-Spital zusätzlich mit laborchemischen Tests festgestellt. Wertvolle Anhaltspunkte über den Ernährungszustand liefern die Untersuchung von Serumeiweissen wie zum Beispiel Albumin oder Präalbumin.
Bei rund 15 bis 30% der betagten Patienten ist das Vitamin B 12 (seltener B1/B2/B6/C) nicht genügend vorhanden, das in Fleisch, Eiern und Milchprodukten vorkommt. Ältere Menschen hätten vielfach ein Leben lang Fleisch gegessen. Doch irgendwann schmeckte es nicht mehr so wie früher oder die Zähne machen nicht mehr mit. Und dann lasse man es ganz sein. Weil ein Substitut fehle, mangle es in der Folge an Vitamin B12, aber auch an hochwertigen Proteinen, klärt die Ernährungsberaterin auf und empfiehlt bei Fleischaversion dieses unbedingt durch andere, gleichwertige Eiweisslieferanten wie Fisch, Käse, Quark, Eier, Tofu zu ersetzen.
Während des Spitalaufenthalts wird die Malnutrition mit verschiedenen Massnahmen therapiert. Zum Beispiel werden energie- und proteinreiche Zwischenmahlzeiten oder angereicherte Suppen angeboten oder vom Arzt Ergänzungsnahrung verordnet. Der Verlauf wird an den wöchentlichen Ernährungsvisiten überwacht und die Therapie laufend dem aktuellen Zustand angepasst.
Auf eine adäquate Ernährung sollte aber nicht nur während eines Spitalaufenthalts, sondern auch noch danach Wert gelegt werden. Vor dem Austritt aus dem Spital werde deshalb kontrolliert, ob die getroffenen Massnahmen erfolgreich waren und eine Mangelernährung behoben werden konnte. Wenn nicht, wird dem Patienten oder dessen Angehörigen eine Beratung für die Ernährung zu Hause angeboten (dies ist auch ambulant möglich, Anmeldung s. Homepage) oder relevante Informationen zur Ernährung wie zum Beispiel ein Sondenplan werden den entsprechenden Institutionen weitergeleitet. Ebenso wird der Hausarzt im Austrittsbericht, der den erhobenen MNA-Score enthält, so über eine vorhandene Malnutrition informiert.
Die Ernährungsberatung gehört der interdisziplinär zusammengesetzten Ernährungskommission des Felix Platter-Spitals unter dem Vorsitz der Ärztin Dr. Cristina Mitrache an. In diesem Gremium wird der Umgang mit Malnutrition gemanagt und überwacht. Die Gesellschaft für klinische Ernährung der Schweiz (GESKES) zeichnete dieses Basler Geriatriespital 2007 (bei der erstmaligen Ausschreibung) „für den Aufbau von nachhaltigen Strukturen zur Bekämpfung von Mangelernährung“ aus. Markus Sutter
Fingerfood
Spezielle Beachtung gilt es in einem Geriatriespital nicht nur dem Essen selber zu schenken, sondern auch dem Ablauf: Hochbetagten Menschen mit einer Demenz oder einer Krankheit, die die motorische oder sensorische Fähigkeit beeinträchtigt, ist das selbstständige Essen oft nicht möglich, weil sie mit ihrem Essbesteck nicht mehr umgehen können. Um die Situation solcher Patienten zu verbessern, wird ihnen im Felix Platter-Spital „Fingerfood“ mit allen notwendigen Nährstoffen abgegeben. Dadurch sollen die noch vorhandenen Fähigkeiten der Patienten gefördert und unterstützt werden. „Das Essen wird dabei so zubereitet, dass es ohne fremde Hilfe eingenommen werden kann, den Patienten einen Teil ihrer Selbstständigkeit zurückgibt und natürlich auch einer Malnutrition vorbeugt“, fasst Ernährungsberaterin Susanne Emmisberger die Vorteile zusammen.msu
|