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Samstag, 04.02.2012     Medical Tribune Group





Bessere Chancen bei persistierendem Vorhofflimmern

Neues minimal-invasives Hybridverfahren erhöht die Erfolgsaussichten

BERN – Bei Patienten mit persistierendem Vorhofflimmern sind die Resultate einer Katheterablation häufig unbefriedigend; die Erfolgsraten liegen bei 50 bis 60% nach zum Teil mehrfachen Eingriffen. Die bisher besten Resultate wurden bei persistierendem Vorhofflimmern nach chirurgischer Intervention erreicht – ein maximal-invasiver Eingriff, der aber bei alleinigem Vorhofflimmern ohne begleitende Herzerkrankungen nicht in Frage kommt. Eine weitere, schonendere Option ist vor kurzem im Berner Inselspital schweizweit erstmals zur Anwendung gekommen. Dr. Hildegard Tanner, Oberärztin Rhythmologie, und Dr. Alberto Weber, Oberarzt Herzchirurgie, erläutern gemeinsam im Interview das neue Verfahren.

Hospital Tribune: Frau Dr. Tanner, Herr Dr. Weber, was können Sie in Bern Patienten mit einem persistierenden Vorhofflimmern neu anbieten?

Dr. Tanner/Dr. Weber: Wir haben in Bern eine viel versprechende Zusammenarbeit zwischen Kardiologen, Rhythmologen und Herzchirurgen etabliert, mit dem Ziel, durch interdisziplinäre Zusammenarbeit Resultate zu verbessern und gleichzeitig Kosten zu reduzieren. Die operative Therapie des Vorhofflimmerns hat bisher die besten (ca. 90% Erfolg) Resultate erzielt. Durch cut and sew (Schneiden und Zusammennähen) der Vorhöfe, werden Narben im Herz erzeugt, um eine elektrische Isolation der Areale zu erzeugen, welche im Herzen Vorhofflimmern verursachen. Diese Narben können auch durch alternative Energiequellen erzeugt werden. Am besten gelingt dies durch Radiofrequenzenergie. Damit lassen sich sowohl von endokardial als auch von epikardial über einen minimalinvasiven Zugang die besten Resultate erzielen. Neu wurde eine Methode entwickelt, welche die Vorteile der kathetertechnischen als auch der chirurgischen Behandlung kombiniert, mit besserer Erfolgsrate ohne wesentliche Verlängerung der Hospitalisationsdauer.

Wie sieht die Vorgehensweise im Detail aus?

Dr. Tanner/Dr. Weber: Der Eingriff erfolgt im Katheterlabor unter Zuhilfenahme der Infrastruktur zur Diagnostik von Rhythmusstörungen. Das Verfahren ist in einen chirurgischen und einen kathetertechnischen Teil gegliedert. In Narkose wird zuerst thorakoskopisch, das heisst, Video assistiert, durch die rechte Thoraxhälfte der linke Vorhof mit einer Radiofrequenzsonde umfasst. Damit können unter Sicht epikardial die zuvor erwähnten Narben gesetzt werden, analog der endokardialen Technik. Mit dieser kombinierten Technik kann die Eingriffszeit deutlich reduziert werden. Gemäss bisherigen Erkenntnissen stammt Vorhofflimmern hauptsächlich aus den Pulmonalvenen, resp. deren Antrum, und diese Region muss durch den Eingriff vom Rest der Vorhöfe isoliert werden, was von epikardial durch die Radiofrequenzsonde in einem einzigen Schritt erreicht werden kann. Die Schwierigkeit besteht darin, diese Sonde anatomisch richtig zu platzieren. Trotzdem können Lücken in diesen durch die Sonde angefertigen Linien auftreten, welche durch den Rhythmologen im 2. Teil des Eingriffs von endokardial her gezielt geschlossen werden müssen. Der gesamte Eingriff dauert 1,5 bis 2 Stunden, wobei die Erfolgsrate höher liegt als bei einer alleinigen endokardialen Katheterablation. Die Patienten können am gleichen Tag extubiert werden. Bisher wurden zwei Patienten mit dieser neuen Methode erfolgreich behandelt, beide hatten nach dem Eingriff Sinusrhythmus und konnten am 3. bzw. 5. Tag postinterventionell nach Hause entlassen werden.

Was waren das für Patienten und wer hat sie ausgewählt?

Dr. Tanner/Dr. Weber: Es waren beides Patienten, welche bereits bei den Rhythmologen aufgrund von persistierendem Vorhofflimmern in Behandlung waren. Beide Patienten hatten bereits eine konventionelle Katheterablation hinter sich mit Rezidiv von Vorhofflimmern und haben nach dem neuen Hybridverfahren bis jetzt kein Rezidiv entwickelt. Die Langzeitresultate sind allerdings noch abzuwarten, wir werden alle mit dem neuen, kombinierten Verfahren behandelten Patienten regelmässig nachkontrollieren.

Wie lange liegt die Behandlung dieser Patienten zurück?

Dr. Tanner/Dr. Weber: Die ersten Interventionen haben wir am 18. Mai 2010 gemacht.

Woher kommt dieses Verfahren?

Dr. Tanner/Dr. Weber: Wir haben Unterstützung von Dr. Mark La Meir erhalten, einem belgischen Herzchirurgen, der dieses Verfahren mitentwickelt hat. Er hat uns bei den ersten zwei Fällen assistiert. Seine Erfahrung beruht auf bereits über 100 Prozeduren in Maastricht und Brüssel. Die Herz-Gefässchirurgie im Inselspital hat bereits seit längerer Zeit eine erfolgreiche Kollaboration mit der Universität Maastricht etabliert.

Wie sehen Sie das weitere Vorgehen? Wie gross schätzen Sie den Markt ein? Wird das Inselspital diesen Eingriff routinemässig anbieten?

Dr. Tanner/Dr. Weber: Es ist klar, dass es sich hier um einen sehr spezialisierten Eingriff handelt. Es braucht eine erfahrene Rhythmologie und eine erfahrene Herzchirurgie, um diesen Eingriff erfolgreich durchführen zu können. Zunächst werden Patienten behandelt, welche bereits erfolglose Katheterablationen bei persistierendem Vorhofflimmern hinter sich haben. Falls die Resultate erfolgreich sind, werden wir Patienten mit persistierendem Vorhofflimmern diese Prozedur evtl. bereits als Ersteingriff anbieten.

Gibt es Limitationen oder Kontraindikationen?

Dr. Weber: In erster Linie gibt es aus chirurgischer Sicht anatomische Hindernisse. Patienten, die aufgrund verschiedener Ursachen schwere Verwachsungen haben, die z.B. schon am Herzen operiert worden sind oder aufgrund einer Perikarditis Verwachsungen aufweisen.

Wenn sich jemand dafür interessiert, kann er Sie kontaktieren und Ihnen evtl. einen Patienten überweisen?

D. Tanner/Dr. Weber: Auf jeden Fall. Wir sind gerne bereit, solche Patienten zu beurteilen und falls geeignet diesen kombinierten Eingriff gemeinsam mit unseren Rhythmologen durchzuführen.

Dr. Christine Mücke





 
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