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Samstag, 04.02.2012     Medical Tribune Group





Eine Cochrane-Review von Studien zu Johanniskraut

Wirksam bei leichten bis mässig starken Depressionen

BASEL – Die vorliegenden Daten legen den Schluss nahe, dass die Johanniskraut-Extrakte bei der Behandlung einer Depression dem Placebo überlegen sind, dass sie in der Wirkung ähnlich den Standard-Antidepressiva sind, aber weniger Nebenwirkungen als letztere aufweisen. Das ist das Fazit einer Cochrane-Review in der 29 Studien mit 5498 Patienten geprüft wurden. 28 dieser Studien verglichen Johanniskraut mit Placebo und 17 das Phytotherapeutikum mit synthetischen Antidepressiva.

Die Legende erzählt, dass unter dem Kreuz Christi eine Pflanze stand, und jede Blüte einen Tropfen seines Blutes auffing. Es war das Johanniskraut*. Dieser Name bezieht sich auf den Tag der Sommersonnenwende, das Fest des Johannes des Täufers, wenn die Pflanze in voller Blüte steht. Zerreibt man die Blüten, tritt ein blutroter Saft aus, von dem eine andere Legende berichtet, er sei aus dem Blut des enthaupteten Johannes des Täufers entstanden.

Dass Johanniskraut nicht nur böse Geister vertreibt, sondern sich auch positiv auf die Psyche auswirkt, war bereits dem Mittelalter bekannt. Depressionen und andere psychische Auffälligkeiten brachte man damals mit dem Teufel in Verbindung. Was der Pflanze den Namen „fuga daemonum“ (Teufelsaustreiber) einbrachte. Von dieser frühen Aufgabe leitet sich auch der lateinische Name Hypericum (griech. hyper = über, eikon = Bild) ab, denn um vor Geistern zu schützen, wurde es oberhalb von Idolen angebracht.

Es sollte dann noch bis ins 17. Jahrhundert dauern, dass der Erfurter Arzt und Botaniker Johann Hieronymus Kniphof in seinem Werk „Botanica in Originali“ schrieb: „ Johanniskraut hilft gegen den Schwindel und gegen die fürchterlichen melancholischen Gedanken.“

Kniphofs Aussagen aus dem 17. Jahrhundert wurden kürzlich in einer Cochrane-Review unter der Leitung von PD Dr. Klaus Linde, Technische Universität München auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt. Dieser Übersicht zufolge werden Johanniskraut-Extrakte vor allem in den deutschsprachigen Ländern zur Behandlung von Depressionen, Angst und Schlafstörungen benutzt, erfreuen sich aber in jüngster Zeit auch in anderen Ländern immer grösserer Beliebtheit.

Mindestens sieben wirksame Bestandteile

Der exakte antidepressive Wirkmechanismus der Hypericum-Extrakte ist noch unklar. Jedenfalls enthalten sie mindestens sieben Bestandteile oder Gruppen, die zu den pharmakologischen Wirkungen beitragen. Dazu gehören Naphtodianthrone, zum Beispiel Hypericin, Flavonoide, Quercetin, Biflavonoide, Biapigenin, Xanthone und Phloroglucinol-Abkömmlinge, beispielsweise Hyperforin. In einer ganzen Anzahl von Standard-Tiermodellen haben die Hypericum-Extrakte ihre antidepressive Wirkung bewiesen. Zwar haben auch einige isolierte Substanzen, wie das Hyperforin, eine antidepressive Aktivität bewiesen, doch scheint der Gesamtextrakt wirksamer zu sein. In die Cochrane-Review wurden ausschliesslich randomisierte und doppelblinde Studien aufgenommen, welche die Behandlung der Depression zum Gegenstand hatten. Insgesamt waren es 29 Studien mit 5498 Patienten, welche die Behandlung von Johanniskraut-Extrakten vier bis zwölf Wochen lang mit einer Placebo-Behandlung beziehungsweise mit Standard-Antidepressiva verglichen. Die Studien stammten aus verschiedenen Ländern und hatten verschiedene Johanniskraut-Extrakte untersucht. Die Patienten hatten an leichten bis mässig schweren Symptomen gelitten.

Insgesamt waren in den Studien alle Johanniskraut-Extrakte in der Wirkung dem Placebo überlegen und ähnlich wirksam wie Standard-Antidepressiva, doch wiesen sie weniger Nebenwirkungen auf.

Ein auffallendes Ergebnis zeitigte jedoch die Review: In den Studien deutschsprachiger Länder, also aus Deutschland, der Schweiz und Österreich, wo diese Medikamente bereits eine lange Tradition haben und häufig verschrieben werden, schnitten die Johanniskraut-Extrakte besser ab, während sie in den Studien anderer Länder nicht ganz so wirksam erschienen. Die Ursachen hierfür können sein, so die Autoren, dass in die Studien Patienten mit leicht unterschiedlichen Typen von Depression eingeschlossen waren. Es kann aber auch nicht ausgeschlossen werden, dass gerade ein paar weniger umfangreiche Studien aus deutschsprachigen Ländern nicht fehlerfrei waren und überoptimistische Resultate berichteten.

Patienten mit depressiven Symptomen, die Johanniskraut-haltige Medikamente nehmen möchten, so raten die Autoren, sollten sich von ihrem Arzt beraten lassen. Eine Therapie mit Johanniskraut mag gerechtfertigt sein, doch sollte in Betracht gezogen werden, dass sich die erhältlichen Johanniskraut-Präparate teilweise beträchtlich voneinander unterscheiden. Nebenwirkungen sind in der Regel unbedeutend und selten. Doch können die Wirkungen anderer Medikamente deutlich beeinträchtigt werden.


 
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